#senfdazu11

FC St. Pauli – 1.FC Nürnberg 0:4

Liebe Genossen des gepflegten Nieselregens,

Zwei Tage nach dem verheerendem Spiel ist das Ergebnis kein unausgesprochenes Geheimnnis mehr, so will ich die schmerzliche Wahrheit gleich noch mal zu Anfang aussprechen: 0:4 ist scheiße. Bei aller Rhetorik und Positivitätsduselei bleibt es dabei. Shit is always shit/No matter how you look at it!, um mal den berühmten Vers aus Shakespeares „Romeo und Julia“ zu zitieren. Doch wollen wir den Karren nicht vor den Ochsen spannen und back to the roots gehen. Als Ihr aufrichtiger und bemühter Korrespondent stehe ich in der journalistischen Bringschuld zu erwähnen, dass sich der Zentralrat der Nice Guys beim dieswöchigen Blogeintrag für das beschränkteste und sachunkundigste Mitglied ihrer illustren Runde entschieden hat, weswegen ich meine Ignoranz mit 60% unnötig langen Sätzen und 60% augenverdrehenden Plattitüden salzen muss.

So nun, lasst die Spiele beginnen!…! Alle Spiele? Nein! Nur eines, sonst reicht der Platz und das Citalopram nicht. Es war ein schöner Herbsttag, einer jener Tage, die in romantischer Literatur gerne als „golden und warmer Herbsttag“ bezeichnet werden, auch wenn ich nie verstanden habe, was an grauem Nieselregen „golden“ sein soll, aber das lass ich ma dahingestellt sein, be it wie it be, und so waren wir alle nicht überrascht, als in der 1. Minute der Schiedsrichter, dessen Namen ich leider nicht in Erfahrung bringen kann, weil ich den entsprechenden Eintrag bei kicker.de nicht finden kann, jedenfalls dieser Schiedsrichter, den ich im Folgenden einfach Q nenne, benannt nach der in Grundzügen rekonstruierbaren, aber verschollenen, Logienquelle Q, pfiff das Spiel an.

Wir schalten live, aber verspätet, zu unseren Freunden auf der Geschäftsführung, da ich hier ja nicht nur einen Blog über das Fußballgeschehen verfassen möchte, sondern im Sinne der Aufklärungsideale von Bildung und engagiertem Bürgertum auch allgemein gesellschaftliche Themen bezogen auf Fußballkultur abhandeln möchte, die für Ignoranten und schludrige kicker.de- und St. Pauli-App-Leser wie mich überraschend, verkündete, dass St. Pauli den jahrelangen Rechtsstreit um die Vermarktungsrechte mit dem Vermarktungsrechtebesitzer mit dem bescheidenen, wenn auch nervig fehlerhaften Namen Upsolut beendet hat, indem der Verein das Unternehmen kurzerhand übernehmen wird. Jubelheitereundjuchzende Freudigkeit! Olé! Aber verzeihung, you were sayin‘….?

Das Spiel begann mit einer guten Choreo, deren wahres Ausmaß ich unter den hochgehaltenen Pappschildern leider nur erahnen konnte, aber das, was man auf dem Bildschirm gesehen hat, war schon recht cool, um mal ein wirklich sehr abgenutzten und kaum noch irgendwas aussagendes Adjektiv zu benutzen. Ich könnte jetzt meine Notizbucheintragungen herunterrattern und es dann euphemistisch „Analyse“ nennen, aber das werde ich nicht tun. Einerseits weil wahrscheinlich alle Leser dieses Blogs das Spiel geguckt haben und zweitens, und darauf aufbauend, werden diese Leser das Spiel viel besser analysieren können als ich. Aber dennoch möchte ich ein paar Zeilen über meine Eindrücke des Spiels verfassen, weil dieser Eintrag sonst jeglicher Sinnhaftigkeit entbehren würde. Auch hierfür konnte ich jetzt leider keine Statistik finden, aber St. Pauli hatte deutlich mehr Ballbesitz, von Dominanz kann aber wahrlich keine Rede sein, dafür ist das hoffnungs- und ideenlose Ballherumgeschiebe zu ungefährlich und letztlich erfolglos. Beherrschendes Syndrom der Saison ist leider Chronische Torlosigkeit, was dazuführt, dass wir gerade mal zwei Tore mehr als Heidenheim haben….die auf dem 10. Platz sind! Kaum zu glauben, dass wir damit auf dem 3. Platz liegen, aber bislang glich die starke Defensive um „El Grande Muro“ Sobiech alles wieder aus. Hiervon war leider nicht mehr so viel zu sehen im Spiel gegen Nürnberg….oh, übrigens, St. Pauli hat gegen Nürnberg gespielt, falls das jemand vergessen haben sollte, ich hab es glaube ich vorher noch nicht erwähnt!…., sodass wir leider mehrfach gnadenlos ausgekontert wurden und nur mit Mühe und Not die sprintstarken Nürnberger aufgehalten werden konnten. Was offensichtlich nicht häufig genug der Fall war. Das Spiel der Bhoys in Brown kann man wohl als die dystopische Perversion des Bayrischen Spiel kategorisieren, will heißen, viel Ballbesitz, viele Pässe, aber leider ohne die Finesse und Eleganz der Master of Football, sodass man über weite Strecken des Spiels in tagesphantasierenden Einkaufsüberlegungen abdriftete, ohne viel verpasst zu haben. Die Nürnberger standen kompakt, um mal dieses ubiquitäre Wort des Defensivfußballs-Sprech zu benutzen, und lauerten, auch hier denke ich, dass kein anderes Wort dem abwartenden Charakter des Nürnberger Spiels gerecht wird, auf Konter.

Bei St. Pauli grassierten die Fehler: auch unabhängig vom desaströsen Dudziak, der zweimal meiner Rechnung nach mit einem Mitspieler zusammenrannte (53. mit Thy; 56. mit Buchtmann), spielten viele St. Paulianer überspannten Fußball: Gonther rannte in seiner ersten Aktion nach Einwechslung ins Abseits (78.), Verhoek versprang der Ball äußerst albern (76.) und ansonsten verstammelten alle und kollektiv mehrfach den Ball vorm Strafraum.

Um mal wieder eine weitere Plattitüde zu bedienen: Quo vadis St. Pauli? Die sichere Defensivarbeit, die wir bislang konstant zeigen konnten, wird meinem Optimismus zufolge wiederkommen. Wir sind uns wohl alle einig, dass dies ein maßgeblicher Baustein unseres Erfolges der bisherigen Saison ist. Für die Offensive jedoch muss noch viel getan werden. Mit unserer bisherigen Leistung nach vorne können wir solche Spiele nicht drehen, wir können sie nur verwalten. Dafür ist unser Spiel leider zu stark auf einen glücklichen Treffer und das folgende Verwalten der leichten Führung ausgerichtet. Geht diese Taktik einmal nicht auf, so können wir auch in solch einem Spiel keine Punkte holen. Denn seien wir ehrlich: vom Spielanteil und von den Chancen her, hätte St. Pauli am Sonntag deutlich mehr herausholen müssen. Gerade weil sie dies aber nicht geschafft haben, ist die Niederlage, und es fällt mir schwer, dies überhaupt nur auszusprechen, weswegen ich ganz froh bin, das nicht zu tun, sondern mich auf’s Schreiben beschränken zu können, gerechtfertig und eigentlich verdient.

Kommen wir also noch zu leichteren Themen: der Zukunft des deutschen Fußballs. Breite Runde gemacht hat in den letzten Tagen der umstrittene Antrag des FC St. Pauli über die Ausnahme von die 50+1-Regel brechende Vereinen wie Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen und demnächst auch Hannover, von der sogenannten Solidargemeinschaft der Gesamtvermarktung der Fernsehrechte der 1. und 2. Bundesliga. Diskursanalytisch höchst interessant und leider auch genauso traurig, ist das framing in der öffentlichen Debatte von St. Pauli als den eigentlichen Auflöser der Solidargemeinschaft, während doch der Antrag eigentlich darauf abzielt, die Auflösung der Solidargemeinschaft--im Sinne der gleichen Rechte für alle--durch benannte Vereine zu relativieren. Der langen Rede kurzer Sinn: Hoffenheim und Konsorten sind unsolidarisch, weil sie sich Vorteile verschaffen durch die Unterstützung durch DAX-Unternehmen oder reiche Gönner. Leider ist die öffentliche Reaktion dieser Vereine mehr als beschämend, stellen sich doch jetzt diese reichen Vereine als gebeutelte Opfer einer Hetzkampagne dar, während selbst wohlmeinende Unterstützer der Gesamtvermarktung wie Rummenigge in gutsherrlicher Arroganz versuchen, den Vereinen der 2. Liga kollektiv ihren paternalistischen Willen aufzuzwängen, nach dem Motto „Wir sind solidarisch, aber nur weil wir so nett sind“. Gut, soll er sein. Hoffnung machen da vor allem Meldungen, dass die Chefetagen von Schalke und Dortmund anders über die neureichen Vereine denken und dem Vorhaben von St. Pauli sogar eventuell sympathisch gegenüberstehen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringen wird. Deswegen möchte ich mit den Introworten von Monty Python’s Flying Circus enden: It’s….

Nice Guys Sankt Pauli //josy

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