#drumherum3

Opfer des eigenen Erfolgs

Zweifelsohne zählte Marc Rzatkowski in dieser Hinrunde zu den Säulen des erfolgreichen Fußballs, der von St.Pauli gespielt wurde. Doch seit dem Spiel bei 1860 ist er nur noch auf der Bank zu finden und es könnte sein, dass er das auch für die restlichen Spiele vor der Winterpause sein wird.
Um den Topscorer hinter Lennart Thy (3 Tore, 5 Torvorlagen) und nach Lasse Sobiech notenbesten St.Pauli-Feldspieler ohne körperliche Gründe auf der Bank zu lassen, muss Ewald mit seinem Team gute Argumente anbringen. Argumente, die über die offizielle Erklärung (Ewald: „Er macht auf mich den Eindruck müde zu sein, auch im Training.“ MoPo, 09.12.) hinausgehen. Sollte ein Spieler alle drei Tage spielen kann ich das offizielle Argument nachvollziehen, aber auch mit 25 Jahren und im Schnitt einem Spiel pro Woche? Klar, die mentale Müdigkeit ist auch gemeint, wie Ewald sie auch bei vielen anderen ausgemacht hatte. Allerdings vermute ich noch einen weiteren, für Rzatkowski sehr bitteren Grund: Er ist ein Opfer des eigenen Erfolgs.


Bild von der Vereinsseite (fcstpauli.com)

Die Situation ist für Rzatkowski nicht neu, denn bereits den Abstiegskampf letzte Saison hat er meist von der Bank aus verfolgt. Sein Defensivverhalten schien für den kompakten Fußball, den Ewald im Abstiegskampf spielen ließ, nicht ausreichend. Im Sommer dann die Neuausrichtung und die Umschulung von einem offensiven zu einem defensiven Mittelfelder bzw. zu einem Verbindungsspieler. Durch den Abgang von Koch, sowie die Verletzungen von Buchtmann und Nehrig waren zu Beginn der Hinrunde Alushi und Rzatkowski als Doppel-6 gesetzt. Mit Alushi als defensive Stütze und Rzatkowski als in die Offensive einrückender Verbindungsspieler, wenn Maier Überzahl auf den Außen schaffte, konnten bei Ballgewinn schnell und effektiv Überzahlsituationen im letzten Drittel geschaffen werden. Der Wechsel Buchtmann-Alushi durch Alushis Verletzung änderte quasi nix an dieser Grundausrichtung. Die erfolgreiche Spielweise führte jedoch dazu, dass die gegnerischen Mannschaften nun gegen St.Pauli nicht mehr versuchten ihr eigenes System durchzudrücken, sondern zuerst den Spielansatz von St.Pauli stören wollten und weiterhin wollen. Beste Beispiele sind die Auswärtsspiele in Braunschweig und Paderborn, wo sich beide Teams mit mehr Glück als Verstand mit einem 0:0 in die Halbzeit retten konnten und die zweiten Halbzeiten mit Systemumstellungen ausgeglichener gestalteten. Beide Teams versuchten St.Pauli mit den eigenen Mitteln (kompakte Defensive – Überzahl bei Ballgewinn) zu schlagen. Nürnberg hat St.Pauli vor zwei Wochen am Millerntor den Spiegel ins Gesicht gehalten. Das Auftreten erinnerte mich sehr ans Auftreten von St.Pauli auswärts. Bei so einem Gegensystem verpufft der Ansatz mit Rzatkowski als Verbindungsspieler komplett, da schlichtweg nicht die Räume für Überzahlsituationen nach Ballgewinn vorhanden sind. Somit hat sich Rzatkowski durch guten Fußball selbst auf die Bank gespielt.

Gegen die kompakten Systeme müssen dann andere Lösungen gefunden werden. Momentan wirkt es so, als wenn St.Pauli mit viel Ballbesitz nicht sonderlich viel anfangen kann. Um Ballverluste zu vermeiden ist es nun aber gerade auf der 6 wichtig sehr ballsicher zu agieren und dann über längere Ballstafetten und Verlagerungen Löcher in die gegnerische Defensive zu reißen. Dafür braucht man aber ballsichere Spieler wie Alushi und Buchtmann auf der 8 zur Unterstützung von Maier, die Räume erkennen und erspielen und eine rein defensive 6 als Absicherung (Nehrig). Somit erscheint in diesem System momentan kein Platz für einen schnellen Umschaltspieler wie Rzatkowski zu sein. Im Vergleich zu Buchtmann und Alushi fehlt ihm die Ballsicherheit und Übersicht und Nehrig ist defensiv unumstritten.

Am Montag in Bielefeld stellt sich nun für das Trainerteam die Frage, mit welchem System Bielefeld spielen möchte. Wenn sie versuchen ihr eigenes Spiel durchzuziehen, dann wäre das Duo Buchtmann/Rzatkowski oder Nehrig/Rzatkowski sicherlich eine gute Option und Bielefeld dürfte von St.Pauli ähnlich wie Düsseldorf (die auch ein eigenes System durchdrücken wollten) auseinandergespielt werden. Vermutlich wird St.Pauli sich aber auch bei Auswärtsspielen immer häufiger mit defensiver Kompaktheit rumärgern müssen. Hierfür erscheinen die Duos Nehrig/Buchtmann und Nehrig/Alushi besser geeignet, wenngleich bei diesem System noch lange nicht jedes Rädchen ins andere greift. Rzatkowski muss auf lange Sicht seine Spielweise ausweiten, andernfalls wird sich seine Situation nicht ändern. Ewald und sein Team haben im Sommer bereits gezeigt, dass sie diesem hochveranlagten Spieler eine neue Spielweise beibringen können. Hier muss im Winter weitere Arbeit folgen.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo