#senfdazu35

FC St. Pauli – Hannover 96 0:0

„Wer möchte Champagner?“ – Jahaa Leute, Schampus für die feinen Kehlen! Da steht meine Freundin S (wir haben uns vorhin zusammen dieses wahrhaft coole Kürzel für ihren Namen überlegt) doch tatsächlich 1 ½ Stunden vorm Anpfiff am Fanladen und trinkt Champagner. Der Bitte von flippa, dass sich alle Nice Guys doch mal wieder reichlich vor Spielstart vor der Gegengerade einfinden, sind wir natürlich nachgekommen. Doch halt, da war doch was?! Richtig, die eigene Tochter. Die verbringt das gesamte (!) Wochenende bei ihren Großeltern. Das führte dann dazu, dass S und ich endlich mal wieder gemeinsam ins Stadion ziehen konnten. Das letzte Mal war eine Ewigkeit her. Nun also auf nen Samstag, nachdem man bereits entspannt ausgeschlafen und gefrühstückt hatte, erst einmal mit Champagner angestoßen – das Spiel konnte nun wirklich kommen.
Im Stadion dann die alte Leier: flippa der alte Stimmungsfetischist mal wieder mit der tollen Idee sich doch einen Platz bei Ostblock zu suchen. Zwar hatten wir die Eingangstore bereits frühzeitig passiert, aber da oben noch Platz finden mit einer Truppe von sieben Leuten ist dann doch unmöglich. Also wieder auf die angestammten Plätze „Mitte unten“. Kurz vor Anpfiff durften wir dann mit einem echtem Trümmerpärchen Bekanntschaft machen, die vermutlich bis zur letzten Sekunde in der Domschänke ausharrten, damit sie sich noch ordentlich einen reinpfeifen konnten. Wie dem regelmäßigen Leser dieses Hochglanzprodukts bekannt ist, bin ich bezüglich meiner Stehnachbarn sehr eigen. Und die beiden „Stinke-Suffis“ gingen mir fast das gesamte Spiel dermaßen auf die Nerven, sodass ich dem ohnehin eher übersichtlichen Treiben auf dem Platz nicht wirklich die Aufmerksamkeit schenken konnte, wie ich es sonst immer gern tue (unnötig zu erwähnen, dass sie konstant von ‚Pauli‘ sprachen). Nachdem flippa dem Herren bereits eingetrichtert hatte, wie man in diesem Stadion mit dem Ausdruck „Schwuchtel“ umgeht, nutzte ich in der 65.Minute Jaceks Blasenschwäche dreisterweise für einen Platzwechsel. Man, der wurde die letzten Spielminuten intensivst betatscht und vollgesabbelt und vermutlich auch –gesabbert. Sorry Alter, aber ich hielt es nicht mehr aus!

Ich möchte Euch auf neue Statistiken aufmerksam machen und in Zukunft immer mit diesen arbeiten, wenn ich blogge, da sie viel mehr Aussagekraft besitzen, als ein einfaches Torschuss- und Ballbesitzverhältnis. Der niederländische Fußball-Blog 11tegen11 hat vor einiger Zeit angefangen, die Torschüsse bei Spielen zu gewichten und daraus ein „expected Goals“-Wert (xG) berechnet. Dieser gibt sehr viel genauer als das normale Torschussverhältnis die Qualität einer Torchance an. Während bei der üblichen Statistik ein Torschuss aus, sagen wir, 30 Metern, ähnlich in der Statistik zählt, wie ein Torschuss aus zwei Metern, werden die Arten der Torschüsse bei der „expected Goals“-Berechnung unterschiedlich gewichtet. Ein Torschuss aus zwei Metern auf ein leeres Tor erhält dabei einen Wert, der nahe 1 liegt, während ein Torschuss aus 30 Metern nur einen Wert von <0.1 erhält. Diese Werte bilden die statistische Wahrscheinlichkeit, dass aus den Torschüssen auch Tore werden, sehr viel besser ab. Ich garantiere euch, dass ihr diese Werte in weniger als zwei Jahren in jedem Spielbericht von kicker, etc. lesen werdet! 11tegen11 benennt xG-Daten folgendermaßen: „Expected goals are the poster boy of football analytics. Anyone who is not living under a rock and is even remotely interested in football and stats will have been confronted with expected goals in one form or another.” Eine sehr gute Zusammenfassung der xG-Statistik (auf deutsch) bietet Daniel Roßbach auf dem Eiserne Ketten-Blog, mit dem ich mich vorm Union-Spiel über Taktik unterhalten durfte.

Zusätzlich hat 11tegen11 noch „Passmaps“ zu bieten. Diese Daten gehen weit über die übliche Pass-Statistik hinaus und zeigen, welche Spieler sich wie häufig die Bälle zuspielen und wo sich die Spieler hauptsächlich auf dem Spielfeld bewegen. So zeigt sich in den Passmaps des FCSP schon seit Beginn der Rückrunde, dass im Grunde die Mitte des Spielfelds nahezu ungenutzt ist. Das liegt daran, dass die Pressingzonen der Gegner umgangen werden sollen, indem ein konsequent vertikales Spiel über die Außen aufgezogen wird.

Eine weitere Grafik zeigt dann noch eine andere wichtige Statistik an: Wie viele Pässe im letzten Drittel angekommen sind. Diese (very) deep completions sind ein Indikator dafür, wie gut sich ein Team in des Gegners Hälfte zurechtfindet. Nur die Kombination von xG-Werten und den completions zeigen dann letztendlich die Stärke eines Teams an, da gelungene Aktionen ja nicht immer in Torschüssen münden. So hat der FCSP im Heimspiel gegen Union eigentlich gut gespielt, der xG-Wert zeigt jedoch ein 3.1 zu 1.3 für Union an. Das lag daran, dass der FCSP die Chancen nicht zu Torschüssen gebracht hat. Die „very deep completions“, also die angekommenen Pässe im absoluten Gefahrenbereich zeigen ein 13 zu 5 für den FCSP. Beide Werte zusammen (xG und die angekommenen Pässe) zeigen dann ein ausgeglichenes Spiel, welches es letztlich auch war.

Nennt mich verrückt oder einen Nerd, aber für mich sind diese Daten das aussagekräftigste was die Statistik im Fußball momentan zu bieten hat!

Die Daten für das Hannover-Spiel sind aber leider noch nicht verfügbar, ich vermute, dass 11tegen11 wegen meines penetranten Nachfragens auf Twitter mich noch ein wenig zappeln lassen möchte. Allerdings hat unser Video-Analyst Andrew Meredith gerade auch nach den Daten gefragt, es sollte sich also nur noch um Stunden handeln. Ich melde mich dann wieder…
So, jetzt sind die Daten da und ich kann mich (leider nur kurz) dazu auslassen. War ja klar, dass die Daten dieses erste Mal, wo ich Euch die präsentieren möchte, nicht wirklich besonders sind, weil das Spiel so ausgeglichen war. Trotzdem: Wie man an den xG-Werten sehen kann, hat Hannover bis zur 80.Minute kaum stattgefunden, allerdings haben auch wir nicht wirklich viel zustande gebracht. Ein xG-Wert von knapp über 1 für beide Teams ist nicht sonderlich hoch. Die größten Chancen hatten nach den xG-Werten Thy in der 72. und Harnik in der 83.Minute. Der Pfostenschuss von Bouhaddouz fällt dabei nicht so sehr ins Gewicht, da der Winkel recht ungünstig war. Die completions zeigen ebenfalls eine ausgeglichene Partie mit 9 zu 12 very deep completions. Interessant auch das Passmuster, welches eine halbwegs verwaiste Mitte zeigt und eine Konzentrierung der offensiven Spieler im Zentrum. Alles in allem zeigen die Statistiken, dass das Unentschieden schon vollkommen in Ordnung geht, wobei Hannover erst in den letzten Minuten aufkam.
Unabhängig von diesen Statistiken ist ein Muster in unserem Spiel erkennbar. Sowohl gegen Hannover, als auch gegen Dresden und Karlsruhe kommen wir aus der Halbzeit und fahren die ersten 20 Minuten Angriffspressing. Das hat in allen drei Fällen gut funktioniert, aber gegen Hannover wollte kein Tor fallen. Gegen Dresden fällt das 2-0 und gegen den KSC machen wir in dieser Phase sogar drei Buden. Dieses Mal haben wir nicht getroffen und hinten raus fehlte uns ziemlich die Luft, weshalb Hannover zu einigen Abschlüssen kam. Nicht verwunderlich, Hannover hat bereits satte 18 Tore in der Schlussviertelstunde erzielt, davon vier in der Nachspielzeit. Wenn man sich dann in den ersten zwanzig Minuten der 2.Hälfte auspowert und nicht trifft, dann darf man sich nicht beschweren, wenn man verliert.

Nachm Spiel dann der übliche Weg zum Clubheim. Mein leises Bitten doch endlich mal in die Weinbar in der Gegengerade nach Schlusspfiff zu schlendern, wurde ignoriert. Nachdem D. uns im weiteren Verlauf des Abends von den Vorzügen dieses Etablissements erzählte („Digger Alder ey, Rum-Cola nur 5 Euro!“), werden wir das nachm nächsten Heimspiel definitiv mal auschecken. Stattdessen aber das Clubheim. Als dann auch das letzte Mitglied der heutigen Nice Guys-Fraktion aufgetaucht war (die Dame hing zwischen Hannover und Celle in der Bahn fest und verpasste den Anpfiff deshalb nur „gaaanz knapp“ um etwa 3 Stunden), entschied sich der Mob für den „Zoo“, da O. an den Plattentellern Gas gab. Mit im Schlepptau ein Hannover-Fan, seines Zeichens Jaceks Onkel. Der doch sehr öffentlich getragene Schal führte im „Zoo“ zu einigen Kommentaren, also wurde der Schal dann etwas defensiver getragen. Es gab wohl nach dem Spiel etwas Ärger mit Niedersachsen an der Feldstraße. Vertragt Euch, Leute!

Mein persönliches Highlight ereignete sich kurz nach Abpfiff, als der aus dem Gästeblock allseits beliebte Gesang „Scheiß St.Pauli“ im ganzen Stadion übernommen wurde. Selten so gelacht! Mich freut es jedes Mal, wenn wir den gegnerischen Fans durch solche Aktionen auf die Stumpfheit ihrer Gesänge aufmerksam machen. Schade finde ich es dann, wenn Teile unserer Fanszene die gleiche Art Gesang in Richtung Hannover-Fans loslassen. Das nimmt dem Ganzen den Spaß und stellt uns auf eine Stufe mit den Stumpf-IchfinddichScheiße-sorichtigSchschschScheiße-Gesang-Fan. Jetzt wo ich die Zeilen schreibe fällt mir auf, dass ich mich schon einmal dazu geäußert habe und zwar beim Auswärtsspiel in Hannover (#senfdazu25). Klar, es ist der kleine hsv und ich finde den Verein und Großteile der Fanszene auch nicht sonderlich, aber ich dachte immer, dass wir es besser können, als einfach ebenfalls zu verunglimpfen.
Dass es auch Hannover-Anhänger gibt (zufällig der gleiche, der später mit uns im „Zoo“ abgammelte), die mit ihrem Hirn noch ein wenig mehr Wörter als „Scheiße“ und „St.Pauli“ zusammenbasteln konnten, zeigte ein Banner in der 51.Minute (siehe Foto). Gerade der patriarchisch herrschende 96-Sonnenkönig Martin Kind wirbt ja recht offensiv für die Öffnung der Vereine für Investoren. Schön und wichtig, dass die Fanszene da nicht jeden Scheiß mitmachen will und schade, dass Martin Kind gar nicht im Stadion war. Und selbst wenn, so interessieren ihn die Belange der aktiven Fanszene nicht nur wenig, sondern sind ihm eher ein Dorn im Auge. Ich erinnere mich an die Schließung des 96-Fanprojekts und verschiedenste repressive Maßnahmen gegen 96-Fans. Wichtig und richtig also diese Aktion!

Nachdem wir im „Zoo“ dann einen Tisch für uns hatten und mit viel Bier nebenbei ein wenig Erstliga-Fußball schauen konnten, der aber zumindest im 18.30-Spiel nicht wirklich wie Erstliga-Fußball aussah, popelte ich Lothar Matthäus, der aus meinem Bauch erwuchs, noch ein wenig in der Nase.

Man, es war Zeit nach Hause zu fahren! Oder vielleicht hätten wir lieber gehen sollen, da Jacek noch unliebsame, aber glücklicherweise verletzungsfreie, Bekanntschaft mit einer Motorhaube machte. Holla, der wurde vielleicht abgeräumt! Kaum zu glauben, dass da nix passiert ist. Der Dönermann unseres Vertrauens brachte unsere Adrenalin-Pegel dann mit nem Döner und Ayran/Bier wieder auf Normal-Niveau. Zuhause dann noch die Wiederholung von Mailand-SanRemo. Scheiße Sport, ich liebe dich! Immerhin versüßt mir das die Länderspielpause! So, und jetzt ist der Roman vorbei, ich muss nämlich eigentlich arbeiten an diesem Sonntag.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Bilder:
Stefan Groenveld

Texte:
Admit nothing: Eiswürfel dazu?


0 Antworten auf „#senfdazu35“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs − drei =