#senfdazu45

FC Sankt Pauli – 1.FC Kaiserslautern 1-1

Ganz kurz: Ich habe Freitag ein „Praktikum“ beim AFM-Radio machen dürfen. Das spülte mich hoch oben auf die Gegengerade. Dank wlan und bester Sicht auf Höhe der Mittellinie und gänzlich ohne Bier/Schnack/Gesang habe ich Taktisches getwittert. Ob das nun gehobene Analyse-Kunst oder eine Aneinanderreihung gewürfelter Begriffe aus „Fußball-Taktik für Dummies“ ist, dürft ihr selbst entscheiden. Hier meine 38 Tweets in ausgeschriebener Form:

Vor dem Spiel

…konnte ich ein wenig mit Andrew Meredith, unserem Video-Analysten, sprechen. Er erwartete den FCK unter Jeff Strasser ähnlich wie bei seinem erfolgreichen Debüt gegen Greuter Fürth. Ein 3-4-3 in offensiver Ausrichtung, bei dem sich defensiv eine 5er-Kette bilden würde. Ist ja ziemlich En Vogue dieses System momentan. Zwei Außenspieler beackern die gesamte Bahn, das Zentrum ist gut besetzt und die Formationen können so dermaßen variabel gestaltet werden, dass man im Grunde auf jede andere Formation und Spielsituation reagieren kann. Grundsätzlich sind Spiele gegen Teams, die erst kurz vorher ihren Trainer gewechselt haben, für diejenigen, die den Gegner analysieren natürlich ein absolutes Desaster. Zu wenig Infos kann man über die Spielidee des Gegners erlangen, Überraschungen sind da vorprogrammiert. Ich jedenfalls erwartete eine gänzlich andere Formation des FCK. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass ich Infos vom Spiel gegen Fürth nur vom Kicker bezogen habe und da war eine 3er-Kette angezeigt.

Halbzeit 1 – Kein Interesse an Fußball

Wir starten mit Dudziak anstelle von Buballa und Buchtmann statt Neudecker. Zudem begann Flum. Das entwickelte sich dann zu dem üblichen 4-2-3-1 oder besser einem 4-1-4-1, da Buchtmann und Flum für den Spielaufbau abwechselnd ins defensive Mittelfeld zurückfielen. Der andere der beiden Zentrums-Spieler rückte dann teilweise auf die Höhe von Sami Allagui. War dieses hohe Aufstellen nicht der Fall, so gesellten sich Sahin und/oder Sobota mit auf die Höhe von Allagui. Die Formation des FCK war dann aber doch eine andere als die erwartete 5er-Kette. Stattdessen gesellte sich bei FCSP-Ballbesitz Mwene in die letzte Kette, während Abu Hanna mit den beiden Sechsern davor eine 3er-Kette bildete. Es entwickelte sich also ein klassisches 4-3-3, wie wir es z.B. in der zweiten Halbzeit gegen Heidenheim diese Saison zeigten. Der Unterschied zu Heidenheim ist allerdings, dass der FCK nicht ansatzweise ein Interesse daran hatte, ein Fußballspiel zustande kommen zu lassen. Das 4-3-3 des FCK stellte uns in Halbzeit eins vor enorme Probleme. Im Zentrum waren wir unterbesetzt und der Druck auf den Sechser hoch, sodass versucht wurde das Spiel über die Außenverteidiger aufzuziehen. Die beiden 3er-Ketten verschoben jedoch recht gut, sodass zum Doppeln dieser nicht einmal ein Spieler aus der 4er-Kette benötigt wurde. Dieses provozieren von Pässen auf die Außen spielt aber nicht nur der FCK. Es ist häufig das Ziel von Teams mit Mittelfeld-Pressing, dass Spiel auf eine Bahn zu lenken. Dafür wird dem Gegner die Pass-Option Außenverteidiger bereitgestellt. Ist der Pass dort angelangt, greifen mehrere Gegenspieler an, während mögliche Pass-Optionen in deren Deckungsschatten verschwinden.


Die defensive Grundordnung des FCK im 4-3-3 (fett Rot) und das von mir erwartete 5-4-1 (tranparentes Rot)

Nach Ballverlusten zog sich der FCSP weit in die eigene Hälfte zurück und bildete nach Überspielung der ersten Reihe mal wieder eine 6er-Kette in letzter Reihe. Weder das tiefe Pressing des FCSP, noch das unerwartete 4-3-3 des FCK sorgten für Ballgewinne, die sich für ein schnelles Umschaltspiel eigneten. Zumal beide Teams darauf bedacht waren, eben diese Situationen zu vermeiden. Das führte zu einer enormen Chancen-Armut in Halbzeit 1 und zu Unruhe auf den Rängen. Aber mal ehrlich, was haben wir erwartet. Die letzten beiden Heimspiele haben wir massiv auf die Fresse bekommen dafür, dass wir ein höheres Pressing mit der Option auf vielversprechende Ballgewinne spielten. Ein vorsichtigeres Vorgehen war daher selbst gegen den FCK zu erwarten. Für weitere Unruhe im Stadion sorgt auch immer wieder das Spiel über unseren Torwart, wobei das eigentlich nicht mehr für Schweißausbrüche sorgen sollte, seit Matze Hain nicht mehr im Tor steht. Gerade bei Gegnern, die so zentrumsorientiert verteidigen, ist es einfach schwierig über dieses den Ball zirkulieren zu lassen. Für einen Seitenwechsel bieten sich daher nur zwei Optionen: Lange Bälle auf die andere Seite (riskant) oder das Spiel über den Torwart bzw. hinten herum (relativ sicher). Zusätzlich provoziert das Spiel hinten herum auch ab und an den Gegner, der sich dann zu weit aus der eigenen Hälfte locken lässt. Dadurch bieten sich hinter der ersten Reihe enorme Räume, die dann genutzt werden können. Das wurde gestern auch versucht, aber der FCK hielt sich meist absolut diszipliniert an die eigenen Vorgaben. Von dieser Seite bestand eigentlich kein Interesse an Fußball. Das machte es natürlich schwierig für uns; motzen tun dann im Stadion meist immer die, die sich im Fernsehen gerne die Champions League und die Sportschau ansehen. Klar, in diesen Ligen wird mehr Fußball gespielt und es gibt dort einige Teams, die so ein tiefes 4-3-3, wie das des FCK, einfach auseinanderspielen können. Solche Teams gibt es aber nicht in unserer Liga. Die zweite Liga ist eine Umschalt-Liga, noch mehr als die erste Liga. Das führt dazu, dass viele der Teams, die über viel Ballbesitz zum Erfolg kommen wollten, meist krachend gescheitert sind (z.B. 1860 und KSC in der letzten Saison).
Die einzig nennenswerte Chance in der ersten Halbzeit entstand dann durch einen der wenigen gelungenen Pässe des FCSP ins gegnerische Zentrum. Diese wurde durch das kurzfristige Erschaffen einer massiven Überzahl im Zentrum entwickelt indem Sobota und Sahin einrückten. Zeitgleich war der FCK eines der wenigen Male mit einem 5-4-1 aufgestellt, welches sogleich ausgenutzt wurde.


(gestrichelt: Ballwege; durchgezogen: wichtige Laufwege) Sobota und Sahin verdichten das Zentrum und erschaffen so eine Überzahl. Moritz und Fechner können jedoch nicht wirklich rausrücken, da Buchtmann, Allagui und Dudziak in deren Deckungsschatten stehen und sonst als Anspielstationen „zwischen den Ketten“ dienen können.

Halbzeit 2 – Flum als Spitze belebt Allagui

Als Reaktion auf das tiefe 4-3-3 des FCK wurde der Druck auf die 4er-Kette erhöht, indem Sobota, Sahin und vor allem Flum nun wesentlich konsequenter auf die Höhe von Allagui rückten. Dieser konnte sich dadurch etwas freier bewegen, wich vor allem auf die Außen, aber auch in den Rückraum aus. Als Reaktion auf den gestiegenen Druck, bildete sich nun partiell auch die anfangs erwartete 5er-Kette beim FCK und bot mehr Räume zum Spielaufbau. Das führte zu einem optischen Übergewicht und letztlich auch zum verdienten 1-0. Danach war aus meiner Sicht eigentlich alles in geordneten Bahnen. Durch unsere Führung war der FCK gezwungen seine äußerst defensive Grundordnung zu lockern, während wir uns weit zurückziehen konnten. Das ist genau die Spielsituation, die uns liegt und die uns auswärts momentan so dermaßen erfolgreich spielen lässt. Für mich war es eine Frage der Zeit bis wir das zweite und entscheidende Tor erzielen würden. Nach der Führung boten sich zum ersten Mal im gesamten Spiel vielversprechende Umschalt-Situationen. Bei der besten hatten wohl nahezu alle bereits den Torschrei auf den Lippen als Möller Daehli am überragend reagierenden Müller scheiterte. Nun, es kam anders. Viele empfanden es als falsch, sich nach dem Führungstor so weit zurückfallen zu lassen. Man muss jedoch feststellen, dass der FCK spielerisch zu keiner Zeit ansatzweise Gefahr versprühte. Und Gegentore nach Ecken sind zwar immer möglich, selbst für die größten Blinsen, aber eigentlich auch relativ unwahrscheinlich (siehe MillernTon043).


Immer wieder beeindruckend: Die 6er-Kette, die der FCSP als letzte Option im tiefen Pressing zieht.

Nach dem Ausgleich ist dann von Taktik eher weniger zu sehen, welches natürlich auch mit den nachlassenden Kräften zusammenhängt. Häufig holten sich Möller Daehli und Sahin die Bälle nun wesentlich früher ab und strahlten von dort in die Mitte aus, während die Außenverteidiger in offensiverer Position die Gegenspieler fixierten. Eigentlich eine gute Option, aber leider nicht mehr von Erfolg gekrönt.
Fazit: Sämtliche Teams der zweiten Liga agieren mehr oder weniger auf einer Höhe. Spielen beide Teams so vorsichtig wie der FCSP und vor allem so diszipliniert wie der FCK in der ersten Halbzeit, dann ist Fußball ein destruktiver Albtraum. Ich hoffe auf bessere Zeiten…

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Es schreiben auch:
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