Beiträge von timbo

#drumerherum8

Wir gegen weniger – Mythos Überzahlschwäche

Dieser Beitrag erschien gleichzeitig in dem Übersteiger-Blog.

Im Gegensatz zum gemeinen Menschen tickt der gemeine Fußball-Fan etwas anders: Während der Mensch gerne die schlechten Erinnerungen vergisst und sich nur an die „gute alte Zeit“ erinnert, hat der Fußball-Fan eigentlich zu jeder Spielsituation eine schlechte Erinnerung parat. „Wir spielen gegen den Tabellenletzten? – Das steht doch im Drehbuch, Digger! Solche Spiele haben wir schon immer verloren!“ Mit dieser Thematik hatte flippa sich vor unserer Auswärtsfahrt nach Duisburg befasst (#drumherum4) und konnte diese These zumindest teilweise entkräften. Das diese Amnesie der guten Erinnerungen auch etwas abwegige Züge annehmen kann, zeigte Frodo mit seiner Statistik zu den Verbindungen zwischen FCSP-Spielen und dem Münster-Tatort. Daher bin ich mir bewusst, dass der Aberglaube groß und die Lunte im Stadion relativ kurz sein kann, wenn man einer schlechten Erinnerung mit fundierter Statistik entgegenkommen möchte. Jetzt in der Sommerpause vermute ich alle Gemüter zu Genüge abgekühlt um mal ein wenig Statistisches in die Köpfe zu brennen.

Nachdem flippa sich in #senfdazu36 bereits vorsichtig äußerte und der sehr gute MillernTon041 ebenfalls einige Aussagen zu dieser Thematik beinhaltete, wurde es Zeit sich einmal intensiv mit der These „Gegen Mannschaften in Unterzahl sehen wir immer schlecht aus“ zu beschäftigen. Nach einem gegnerischen Platzverweis rumort es häufig auf der Gegengerade, da wir gegen Teams in Unterzahl „noch nie gewonnen“ hätten. Nun, der Sieg in Düsseldorf vor wenigen Wochen wies zumindest das „nie“ ins Reich der Fabeln, doch war es nur das Ende einer erschütternden Statistik, welche die Unfähigkeit des FCSP bei Überzahl offenlegt? Schau’n wir mal:
Zuerst muss definiert werden ab wann ein Spiel in Überzahl als „besser“ und wann als „schlechter“ gewertet wird. Ich habe mich daran gehalten, dass eine Verbesserung der Punktzahl, die am Ende des Spiels erzielt wurde, im Vergleich zur Punktzahl, die zum Zeitpunkt des Platzverweises erzielt worden wären, als „besser“ in die Wertung eingeht. Umgekehrt ist ein Spiel als „schlechter“ bewertet worden, wenn wir die Punktzahl, die wir für den Spielstand vor dem Platzverweis erhalten hätten, nicht halten konnten. Zwei (noch) fiktive Beispiele: Real Madrid spielt uns an die Wand, wir liegen bereits nach 30 Minuten mit 0-2 hinten. Bernd Nehrig, der alte Hund, provoziert den schmalzigen Portugiesen derart, dass dieser sich zu einer üblen Tätlichkeit hinreißen lässt. Klarer Fall für ne rote Karte. Im Anschluss berauschen sich unsere Jungs am adrenalingeschwängerten Support des Millerntors und drehen das Spiel noch in ein 3-2. Dieses Spiel geht in die Wertung als „besser“ ein. Aber auch ein 2-2 hätte für die Einstufung „besser“ gereicht, da mehr Punkte als vor dem Platzverweis erzielt worden wären. Zweites Beispiel: Juventus Turin ist zu Gast. In einem emotionalen Spiel verlieren wir nach 1-0 Führung noch 1-2, obwohl Mario Mandzukic bereits beim Stand von 1-0 des Feldes verwiesen wurde. Das Spiel geht also als „schlechter“ in die Wertung ein (da wir das Hinspiel in Turin mit 2-0 gewinnen konnten, stehen wir aber trotzdem im CL-Finale). Hätten wir die Führung in Überzahl verteidigt, so hätte ich das Spiel ebenfalls als „besser“ gewertet, da es ja nicht besser geht. Die Wertung „gleich“ bekamen nur Spiele, die zum Zeitpunkt des Platzverweises und zum Abpfiff Unentschieden waren.

Zugegeben, diese Definition hat Schwächen. Zum einen ist es ein großer Unterschied, ob der Platzverweis in der 5. oder der 85. Minute stattfindet. Die Vorteile einer frühen Überzahl gegenüber einer späten erklären sich sicherlich von selbst. Somit ist Überzahl nicht gleich Überzahl. Ich habe daher Spiele aus der Wertung genommen, wenn der Platzverweis nach der 80. Minute geschah und dadurch eher geringen Einfluss auf den Spielausgang nehmen konnte. Zusätzlich spielt es natürlich auch eine Rolle, wie der Spielstand vor dem Platzverweis ist. Beim Stand von 0-3 (siehe Bremen 10/11) macht die Überzahl den Kohl dann auch nicht mehr Fett. Trotzdem habe ich alle Spiele in Überzahl, unabhängig vom Spielstand gleich bewertet. Zusätzlich kann die Wertung „besser“ rein subjektiv auch ganz anders betrachtet werden. Als Beispiel dient hier das 3-3 beim FSV Frankfurt aus der Saison 2011/12: Beim Rückstand von 1-3 wurde der Frankfurter Björn Schlicke in der 39. Minute des Feldes verwiesen. Innerhalb weniger Minuten stellten Kruse (41.) und Bartels (46.) auf 3-3. Im Anschluss blieben dann noch vieleviele Zeigerumdrehungen der Überzahl ungenutzt, um noch das Siegtor zu erzielen. Ich erinnere mich gut an dieses Spiel und ich ärgerte mich damals maßlos, dass wir trotz mehr als 50 Minuten Überzahl nicht gewannen. In meine Statistik geht das Spiel jedoch trotzdem als „besser“ ein, da von 1-3 auf 3-3 gestellt wurde.

Ich habe mir die Ligaspiele von der Saison 2007/08 an bis heute angesehen (und ich habe mein Bestes gegeben, fehlerlos zu arbeiten, was aber sicherlich nicht ganz der Fall sein wird). Von den in dieser Zeit 306 absolvierten Partien haben wir 35 in Überzahl bestritten, also etwas mehr als 10%. Insgesamt zehn Partien sind jedoch wieder ausgesiebt worden, da der Platzverwies nach 80+ Spielminuten stattfand. Die Partie in Düsseldorf 16/17 stellte ein Novum dar, da hier gleich in doppelter Überzahl agiert wurde. Bei zwei Spielen wurde in der Nachspielzeit noch durch eigene Platzverweise zahlenmäßig Gleichstand hergestellt (Niederlage K‘lautern 08/09; Niederlage Bremen 10/11). Ich habe diese Spiele trotzdem in die Wertung aufgenommen, da wir einige Zeit in Überzahl spielen konnten. Andere Spiele, in denen Platzverweise für beide Teams in kurzer Zeit ausgesprochen wurden (innerhalb von 10 Minuten), habe ich in der Statistik nicht berücksichtigt.

So, kommen wir endlich zum Wesentlichen: Von den 25 Partien, die wir in zeitlich nennenswerter Überzahl spielten, haben wir satte 16 letztendlich auch gewonnen und in zwei weiteren Partien zumindest noch den Ausgleich erzielt. Von den 16 gewonnenen Spielen haben wir 7-mal den Vorsprung über die Zeit gebracht, ebenfalls 7-mal aus einem Unentschieden noch einen Sieg gemacht und zweimal sogar einen Rückstand noch in einen Sieg gewandelt (M‘gladbach 10/11 und Duisburg 08/09). Zweimal schafften wir es nicht aus einem Unentschieden noch einen Sieg zu machen, darunter das 0-0 vs Sandhausen aus dieser Saison, der Wurzel der aufkeimenden These. In lediglich fünf Partien haben wir nach Überzahl schlechter abgeschnitten als vorher. Darunter befinden sich epische Kacktore wie 11/12 das 2-2 von Fürth als wir das vermeintliche 3-1 durch Naki in der 90. Minute bejubelten, „Song 2“ aus den Boxen dröhnte und Oliver Occean unbemerkt zum Ausgleich einschob. Oder 07/08 als Jena ein 1-0 noch in ein 1-2 drehen konnte und Bruns uns mitm Schlusspfiff zumindest das Unentschieden rettete. Damals, als Jan Simak mindestens fünf Minuten brauchte um sich nach Aufleuchten seiner Nummer gen Auswechselbank zu bewegen. Da kocht heute noch Wut in mir hoch. Die Wurst ist sogar vorher noch im Vollsprint auf die andere Seite gelaufen, damit der Weg noch länger war. Ich habe nie einem Spieler mehr Schimpfwörter entgegengebracht als Simak seinerzeit. Das mag natürlich an meiner inzwischen nicht mehr so cholerischen Art liegen, jedoch sind auch bei mir diese Kackspiele in Überzahl wesentlich präsenter als zum Beispiel das 2-1 gegen Bochum (nach 1-1) aus der Saison 09/10. Ich bin also auch einer dieser Fußball-Fans, dem eher schlechte Erinnerungen aus dem Hirn sprudeln.

Trotz dieser sehr präsenten Erinnerungen muss ich erkennen, dass 18 von 25 Spielen in Überzahl mit einem besseren Ergebnis endeten als vor dem Platzverweis. Das sind statistisch signifikante 72%. Es kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass wir fast drei Viertel aller Spiele in Überzahl erfolgreich gestalten. Ist der vielerorts gepflegte Pessimismus nach gegnerischen Platzverweisen also nur eine Schutzfunktion? Eine Art Unglücks-Versicherung, damit man im Nachhinein zumindest sagen kann: „Hab ich’s doch gewusst!“, wenn wir das Spiel nicht erfolgreich gestalten und man somit trotzdem ein leichtes Gefühl des Erfolges mit nach Hause nehmen kann? Die Statistik sagt: ja. „Moment!“ sagt der gewiefte Pessimist. Es stellt sich ja auch die Frage, wie wir Spiele ohne gegnerischen Platzverweis gestalten. Vielleicht sind wir da ja besser und gewinnen mehr Spiele bei eigener Führung! Eine Vergleichs-Statistik muss also her. Deswegen habe ich insgesamt 25 Spiele ausgewählt (aus der Saison 16/17), die zur Halbzeit den Ergebnissen (Führung-Unentschieden-Rückstand) der 25 in der Platzverweis-Statistik aufgenommenen Spiele entspricht. Auch hier hängt die Definition: Wieso erst zur Halbzeit? Welche Spiele werden aufgenommen (in der Aufstiegssaison sind die Spiele ja grundsätzlich besser als in der Abstiegssaison)? Ganz ehrlich: Das macht es mir viel einfacher bei der Auswertung und daher habe ich das so definiert. Wenn jemand das gerne etwas genauer hätte, dann darf er/sie gerne mit mir in Kontakt treten.

Aus dieser Statistik wird deutlich, dass nur 8 von 25 Spielen ohne Platzverweis in der 2.Halbzeit mit einem besseren Ergebnis endeten (bzw. die Führung verteidigt wurde). Das macht schlaffe 32%. Im Vergleich zu den 72% der erfolgreichen Spiele in Überzahl stinken die Spiele in Gleichzahl also mächtig ab. Wenn wir zur Halbzeit hinten lagen, haben wir diese Saison mal so gar nix auf die Kette bekommen. Warum das so ist, kann ich bei Zeiten mal spieltaktisch aufarbeiten. An dieser Stelle habe ich erst einmal genug der verbogenen Statistiken und hingedrehten Wahrheiten. Ich habe mit diesen Statistiken eindrucksvoll gezeigt, dass ich Tabellen mit Zahlen erstellen kann. Der Rest ist Ansichtssache. Trotzdem: Nächstes Mal bei gegnerischem Platzverweis einmal kurz in Gedanken Simak in den Arsch treten und dann die Jungs weiter nach vorne pushen!

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

P.S.: Wie steht es eigentlich bei eigener Unterzahl? Ich habe da ein Spiel gegen Regensburg in Erinnerung, als wir beim Stand von 2-1 dank Ginczek in Unterzahl gerieten, uns kurz vor Schluss noch das 2-2 fingen, nur um uns dann dank Bruns mit dem Schlusspfiff in Ekstase versetzen zu lassen. Trotzdem glaube ich, dass diese Statistik wesentlich ernüchternder sein wird und lasse lieber mal die Finger davon.

#timbostaktik4

Dieser Text wurde bereits im Übersteiger #127 veröffentlicht. Nun auch hier im Blog.

Grundformationen

Mit der Beschreibung von Grundformationen ist das so eine Sache. Haben die Bayern unter Guardiola ein 4-1-4-1 oder ein 3-4-3 gespielt? Zählt ein abkippender Sechser zur Viererkette und der aufrückende Außenverteidiger ins Mittelfeld oder gar in den Sturm? Viele Fachmänner können mit den Zahlenspielen in der Fußballjournalistik nichts anfangen, geht es doch um das Spielsystem in Defensiv- und Offensivsituationen und davon gibt es weit mehr als das übliche „die Mannschaft xx spielt heute im 4-2-3-1.“. Es ist eher so: Nennt einfach drei oder vier Zahlen die zusammen eine 10 ergeben, fangt mit einer Vier an und ihr könnt euch sicher sein, dass es diese Formation schon einmal im Weltfußball gegeben hat. Einig ist man sich immerhin darüber, dass die Mannschaften ihre Formation während des Spiels variieren, es jedoch zumindest eine Grundformation gibt.
Wenn die eigene Grundformation mit der des Gegners verglichen wird, geht es darum wie viele Spieler im Verhältnis zum Gegner im Raum verteilt sind. Das Ziel ist einfach: Mit der eigenen Formation soll eine Überzahl in den Fokusbereichen des Spielfelds geschaffen werden. Eine numerische Überzahl führt zwar nicht zwingend zu einem Torabschluss oder einem Ballgewinn, allerdings erhöht sich die Chance enorm. Doch welche Formation ist wann die beste? Wir zeigen die aktuell gängigsten Formationen mit ihren Vor- und Nachteilen.

4-4-2 flach:
„flach“ bedeutet in diesem Fall, dass anstelle einer Raute, wie sie vor zehn Jahren angesagt war (und Bremen 2004 zum Double-Sieger machte), nun eine Doppel-Sechs aufgeboten wird. Dieses System besticht durch Variabilität, welches aber auch Risiken birgt. Während ein Stürmer durchgehend zentrumsfokussiert agiert, kann der zweite Stürmer als falsche Neun wirken und Räume für nachrückende Spieler schaffen. Meist lösen sich ein Sechser und ein Stürmer horizontal, es kann aus dieser Formation aber auch über das Zentrum aufgebaut werden, wenn der Gegner nur einen Sechser aufbietet. In der Offensive steht und fällt der Erfolg des Teams mit der Leistung der falschen Neun, da nur diese Räume schaffen kann. Zur Unterstützung werden deshalb inzwischen häufig die äußeren Mittelfelder nach innen gezogen, wodurch den Außenverteidigern eine zentrale Rolle im Spielaufbau zukommt. Gegen den Ball können leicht Pässe nach Außen provoziert und dann gedoppelt werden, allerdings besteht gegen Teams im 4-2-3-1 eine numerische Unterzahl im Zentrum, welches diesen eine Vielfalt an Möglichkeiten bietet.

4-2-3-1:
Momentan der Shit in Liga Zwei. Im Offensivspiel können die drei offensiven Mittelfeldspieler bei Ballgewinn sofort in Szene gesetzt werden und sehr variabel verschieben. Einer der Sechser kann ebenfalls Einrücken ohne, dass bei Ballverlust zu große Lücken entstehen, da der zweite Sechser rückverteidigt. Die Sechser und die Zehn führen zu enormer Präsenz im Zentrum. Diese muss vom Gegner, egal in welcher Formation, erst einmal zugestellt werden, welches wiederum Räume auf den Außenbahnen ermöglicht, die mit geschicktem Verschiebeverhalten des Zehners in Überzahlsituationen münden können. Nachteilig ist die Einzelbesetzung der Stürmerposition, da dieser positionsgebunden ist und ohne Horizontalbewegungen agiert. Das führt dazu, dass Räume im Zentrum nur schwerlich geöffnet werden können. Einige Teams spielen daher mit einem einrückendem Sechser als Halbstürmer (siehe Rzatkowski 14/15). Im Spiel gegen den Ball sorgen die Sechser ebenfalls für Präsenz im Zentrum und können auch abkippen, falls der Gegner zwei Stürmer aufbietet. Die Überzahl im Zentrum führt zwangsläufig zu einer Unterzahl auf den Flügeln, welches nur durch hohe Laufbereitschaft und geschlossenes Verschieben ausgeglichen werden kann.

3-5-2:
Eine Formation, die uns in Zukunft häufiger begegnen wird. Das System lässt sich mit einem Wort beschreiben: variabel. Eigentlich ist es eine Frechheit es 3-5-2 zu nennen, denn je nach Spielsituation ist es ein 5-3-2, 4-4-2, 3-3-4 oder 4-3-3. Die Dreierkette kann variabel durch die äußeren Mittelfelder zu einer Vierer- oder Fünferkette anwachsen, welches die Räume stark verengt. Hierbei werden allerdings die Flügel vernachlässigt. Die Unterzahl auf den Flügeln führt dazu, dass von den äußeren Mittelfeldern läuferisch, taktisch und technisch höchste Qualität abverlangt wird. Ist diese Qualität vorhanden, erfüllt diese Formation alle Ansprüche: Zwei Stürmer besetzen dauerhaft die Tiefe. Das Zentrum ist mit drei Spielern ausreichend besetzt und die letzte Kette kann in Notsituationen aus fünf Spielern bestehen. Die taktische Feinabstimmung muss aber sitzen, ansonsten können sich die Gegner durch schnelles Verlagern oder strikt vertikales Umschaltspiel recht einfach in die Gefahrenzone kombinieren.

4-3-3:
Ein tolles System, weil es verwirrende Optionen im Umschaltspiel bietet. Nach Ballgewinn stehen drei tiefe Anspielstationen zur Verfügung, welche den Gegner bei guten Passläufen in Unterzahl bringen. Durch hohes Verschieben der Stürmer können die Räume geöffnet werden. Bei Ballverlust sind allerdings ebenfalls Kontersituationen denkbar, da die hohe Staffelung Probleme in der Rückverteidigung forciert. Dem Gegner bieten sich bei Ballbesitz das Spiel über die Flügel, als auch eine Formation mit zwei Stürmern (da meist nur ein Sechser) an. Das führt dazu, dass die Mittelfelder gestaffelt verteidigen (4-2-1-3 oder 4-1-2-3) Auch hier besteht ein hoher spielerischer und läuferischer Anspruch an die Außenverteidiger, da die Mittelfelder defensiv eng zusammenziehen, um ein Spiel durch das Zentrum zu unterbinden.

4-1-4-1:
Ebenfalls eine Formation mit Zukunft. Üblicherweise ist der Sechser am Offensivspiel unbeteiligt, der Spielaufbau häufig vertikal über die Außenbahnen. Zwei Zehner im Zentrum bieten optimale Raumaufteilung fürs Gegenpressing, Ballverluste sind somit eine weitere Option, welches das risikoreiche vertikale Spiel legitimiert. Wenn sich allerdings die Zehner nicht gut im Raum bewegen wird das Spiel statisch. Sollten die Zehner jedoch eine gute Raumaufteilung und –bewegung zeigen, werden die gegnerischen Ketten auseinandergezogen. In der Defensive bilden sich zwei Viererketten, welches Doppeln auf den Flügeln ermöglicht. Eine Steuerung des gegnerischen Spielaufbaus ist kaum möglich, jedoch sind sowohl Zentrum als auch Außen ausreichend besetzt. Schwierig wird es nur, wenn der Gegner einen zweiten Stürmer aufbietet oder die Ketten durch Schnittstellenpässe durchbrochen werden, weil die Abstände nicht stimmen.

Auch bei unserem FC wurden in der Hinrunde viele Formationen probiert. Aus dem 4-2-3-1 der Vorsaison wurde ein 4-4-2 und später ein 4-1-4-1, teilweise sogar wieder ein 4-2-3-1. Es wurde deutlich, dass keine der Formationen greift, wenn Laufbereitschaft und taktische Disziplin nicht vorhanden sind und in der letzten Kette die Abstände nicht stimmen. Die Einstellung muss also formationsunabhängig stimmen.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

#timbostaktik3

Dieser Text wurde bereits im ÜS #126 abgedruckt. Den habt ihr natürlich alle gelesen und daher ist der Text ein alter Hut für Euch! Trotzdessen wollten wir den Text noch einmal hier anzeigen, kann ja sein, dass es doch noch Literatur-Banausen unter uns gibt…

Wie funktioniert eigentlich Pressing?

Beim Pressing geht es darum, Druck auf den Gegner zu erzeugen um den Ball zu erobern. Generell werden 4 Arten des Pressing unterschieden: Abwehr-, Mittelfeld-, Angriff- und Gegenpressing. Zusätzlich gibt es auch noch false pressing, welches aber, wie der Name bereits sagt, kein wirkliches, sondern nur ein angetäuschtes pressen ist, um den Gegner zu verunsichern. Hierbei läuft ein Stürmer kurzfristig die Abwehrspieler an, allerdings ohne nachrückendes Spieler. False pressing wird häufig genutzt um das Spiel des Gegners auf eine Seite des Spielfelds zu lenken oder um der eigenen Mannschaft Zeit zum Sortieren zu verschaffen. Beim Abwehrpressing wird ebenfalls versucht den Ball auf eine Seite des Spielfelds zu verlagern. Dann wird weit hinter der Mittellinie eine Überzahl in Ballnähe erzeugt, welches bei guter Ausführung auch gute Aussichten auf einen Ballgewinn mit sich bringt. Der Nachteil ist, dass bei ausbleibendem Ballgewinn aufgrund der Nähe zum eigenen Tor keinerlei Absicherung vorhanden ist. Erfolgreiche Beispiele sind sämtliche unter Jose Mourinho geleiteten Teams, die bei spielerischer Unterlegenheit ihr Heil in dieser Formation suchen. Ein furchtbar hässliches System. Beim Mittelfeldpressing ist eine Absicherung in Form der Abwehrspieler vorhanden. Hierbei werden die Gegenspieler um die Mittellinie herum attackiert und bei Ballgewinn geht es schnell nach vorne, ohne zu viel Risiko einzugehen. Diese Pressing-Art ist sehr fordernd für sämtliche Mannschaftsteile, da die Abstände zwischen den Ketten nicht zu groß werden dürfen. Es gibt mehrere Varianten, die sich vor allem in der Deckungsweise (mann- oder raumorientiert) unterscheiden. Richtig angewendet ist sie äußerst effektiv und verlangt immer eine Reaktion des Gegners. So wurden z.B. neue Positionen erfunden: Zum einen der Achter, der sich vor und hinter der gegnerischen Mittelfeldkette bewegt. Zum anderen die falsche Neun, die sich aus der gegnerischen Abwehrkette löst, wenn sie freie Räume erkennt (Stichwort „Raumdeuter“). Da unterlegene Teams gegen Spitzenteams häufig eine Kombination aus Abwehr- und Mittelfeldpressing wählen, ist die falsche Neun inzwischen zum absoluten Schlüsselspieler einiger Top-Teams geworden (wie z.B. Messi, Müller, Ibrahimovic). Lionel Messi ist auch im Zusammenhang mit Angriffspressing zu nennen, welches der FC Barcelona praktiziert. Diese Art beinhaltet das direkte Anlaufen der gegnerischen Verteidiger bereits am gegnerischen Strafraum. Kurze Zuspiele werden zugestellt, lange Bälle durch Druck auf den Gegenspieler im Ballbesitz verhindert. Es geht nicht um den direkten Ballgewinn, sondern um das Erzwingen eines Fehlpasses. Eine Lehrstunde im Angriffspressing lieferte der FC Barcelona im Halbfinal-Hinspiel der Champions League 14/15 gegen den FC Bayern München. Hierzulande ist vor allem RB Leipzig zu nennen, wenn es um das körperlich megamäßig anstrengende Angriffspressing geht. Die meisten Teams in Liga zwei spielen mit Mittelfeld- und Abwehrpressing (auch wir, aber inziwschen auch partiell Angriffspressing). Wird die Mittelfeldreihe überspielt, dann lässt sich die Mannschaft hinten reinfallen, verliert jedoch die Option auf vielversprechende Konter. Weiterhin sind Ballgewinne im Abwehrpressing auch immer eine Gefahr, da es sofort zum Gegenpressing im eigenen Drittel kommt.


Mittelfeldpressing im 4-2-3-1. Das Zentrum steht dicht, ein Ball auf die Außen wird ‚angeboten‘. Sobald dies geschieht erfolgt das Verschieben der gesamten Mannschaft, die ballferne Seite wird aufgegeben. Bei erfolgreicher Anwendung bleibt nur der Pass nach hinten oder ein riskanter Diagonalball als Option für den ballführenden Spieler.

Das Gegenpressing ist im Grunde auch ein Angriffspressing, jedoch im Gegensatz dazu zeitlich begrenzt. Bei Ballverlust wird direkt wieder gepresst, um den Ball im letzten Drittel zu gewinnen. Wird der Ball gewonnen, ist der Gegner unsortiert, da eine Umstellung von Defensive auf Offensive stattfand. Auch hier gibt es verschiedene Arten der Umsetzung. Das passwegorientierte Gegenpressing wurde unter Pep Guardiola beim FC Barcelona erfolgreich praktiziert. Hierbei werden Passwege in für den Gegner ungünstige Räume bewusst offengelassen um dort zugreifen zu können. Das spielraumorientierte Gegenpressing, das Meistersystem der Dortmunder unter Klopp, ist eine Weiterentwicklung von Guardiolas System und erinnert an eine Treibjagd. Ziel ist es den ballführenden Gegenspieler zu isolieren indem Pass- und Laufwege zugestellt werden. Nach der Isolierung erfolgt der direkte Zugriff mehrerer Spieler, sodass sofort eine Überzahlsituation in Ballnähe entsteht. Beim zugriffsorietiertem Gegenpressing wird der Gegenspieler im Ballbesitz nur so bedrängt, dass er einen Pass spielen muss. Alle anderen Spieler werden in Manndeckung genommen, sodass direkt ein Zweikampf entsteht. Dieses System entwickelte der FC Bayern München als Reaktion auf die erfolgreiche Dortmunder Zeit und dadurch wird auch klar, warum in Arturo Vidal und Javi Martinez zweikampfstarke Spieler auf der Sechs eingesetzt werden.
Allen gemeinsam ist, dass für eine erfolgreiche Anwendung die Raumaufteilung bereits bei eigenem Ballbesitz passen muss. Es müssen sich bei Ballverlust möglichst viele Spieler in Ballnähe befinden. Gegenpressing erfordert eine enorme Laufbereitschaft und die Fähigkeit bei Ballverlust mental sofort umzuschalten. Der Frust der aus eigenem Ballverlust entsteht wird den Spielern teilweise durch psychologische Betreuung abgewöhnt. Ganz allgemein gilt die 5-Sekunden-Regel, die besagt, dass man sich nach fünf Sekunden ohne Ballgewinn in seine eigentliche Defensivformation zurückzieht. Natürlich wird Gegenpressing auch immer situativ angewendet, weshalb diese Regel zeitlich variabel sein kann und auch die verschiedenen Systeme verschmelzen häufig. Als Reaktion auf das Gegenpressing wuchs der Druck auf Innenverteidiger, saubere lange Bälle spielen zu können. Hieraus entstanden Pass-Monster wie Boateng und Hummels. Teilweise spielen Teams ausschließlich mit Gegenpressing. Es geht also nicht primär darum den Ball über Pass-Stafetten nach vorne zu bringen, stattdessen wird ein langer Ball gespielt und direkt das Gegenpressing eingeleitet. Das ist nicht schön anzusehen, aber einige Teams in Liga zwei spielen mit dieser Ausrichtung. Wirkliche Lösungen, um gegen solche Teams zu bestehen wurden noch nicht präsentiert, weshalb Darmstadt weiterhin in der 1.Liga spielt. Aus dem eigentlich defensiven Pressingkonzept ist also inzwischen eine offensive Philosophie erwachsen.
Natürlich klingen die Konzepte des Gegenpressing vielversprechend. Man muss aber bedenken, dass ein Ballgewinn im Gegenpressing eher selten gelingt. Das liegt daran, dass die Konzepte nur funktionieren, wenn es der Gegner nicht schafft den Ball aus der Zone befördern, welches inzwischen die erste Handlung eines Spielers bei eigenem Ballgewinn sein sollte. Weiterhin müssen die entsprechenden Zweikämpfe auch gewonnen bzw. Pässe auch abgefangen werden. Bei dem Aufwand der betrieben wird, scheint Gegenpressing ne ziemliche Misswirtschaft zu sein. Allerdings besteht die Aussicht auf einen Ballgewinn im letzten Drittel gegen einen Gegner im defensiven Umschaltmoment bei eigener Überzahl. Eine Situation die fast zwingend zu einer Torchance führt. Es lohnt sich also.


Passwegorientiertes Gegenpressing des FC Barcelona zu Pep’s Zeiten. Dem ballführenden Spieler werden mehrere Optionen vermeintlich angeboten, während andere im Deckungsschatten der angreifenden Spieler verschwinden.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Weitere Theorie zum Gegenpressing von:
Spielverlagerung.de
abseits.at

#senfdazu35

FC St. Pauli – Hannover 96 0:0

„Wer möchte Champagner?“ – Jahaa Leute, Schampus für die feinen Kehlen! Da steht meine Freundin S (wir haben uns vorhin zusammen dieses wahrhaft coole Kürzel für ihren Namen überlegt) doch tatsächlich 1 ½ Stunden vorm Anpfiff am Fanladen und trinkt Champagner. Der Bitte von flippa, dass sich alle Nice Guys doch mal wieder reichlich vor Spielstart vor der Gegengerade einfinden, sind wir natürlich nachgekommen. Doch halt, da war doch was?! Richtig, die eigene Tochter. Die verbringt das gesamte (!) Wochenende bei ihren Großeltern. Das führte dann dazu, dass S und ich endlich mal wieder gemeinsam ins Stadion ziehen konnten. Das letzte Mal war eine Ewigkeit her. Nun also auf nen Samstag, nachdem man bereits entspannt ausgeschlafen und gefrühstückt hatte, erst einmal mit Champagner angestoßen – das Spiel konnte nun wirklich kommen.
Im Stadion dann die alte Leier: flippa der alte Stimmungsfetischist mal wieder mit der tollen Idee sich doch einen Platz bei Ostblock zu suchen. Zwar hatten wir die Eingangstore bereits frühzeitig passiert, aber da oben noch Platz finden mit einer Truppe von sieben Leuten ist dann doch unmöglich. Also wieder auf die angestammten Plätze „Mitte unten“. Kurz vor Anpfiff durften wir dann mit einem echtem Trümmerpärchen Bekanntschaft machen, die vermutlich bis zur letzten Sekunde in der Domschänke ausharrten, damit sie sich noch ordentlich einen reinpfeifen konnten. Wie dem regelmäßigen Leser dieses Hochglanzprodukts bekannt ist, bin ich bezüglich meiner Stehnachbarn sehr eigen. Und die beiden „Stinke-Suffis“ gingen mir fast das gesamte Spiel dermaßen auf die Nerven, sodass ich dem ohnehin eher übersichtlichen Treiben auf dem Platz nicht wirklich die Aufmerksamkeit schenken konnte, wie ich es sonst immer gern tue (unnötig zu erwähnen, dass sie konstant von ‚Pauli‘ sprachen). Nachdem flippa dem Herren bereits eingetrichtert hatte, wie man in diesem Stadion mit dem Ausdruck „Schwuchtel“ umgeht, nutzte ich in der 65.Minute Jaceks Blasenschwäche dreisterweise für einen Platzwechsel. Man, der wurde die letzten Spielminuten intensivst betatscht und vollgesabbelt und vermutlich auch –gesabbert. Sorry Alter, aber ich hielt es nicht mehr aus!

Ich möchte Euch auf neue Statistiken aufmerksam machen und in Zukunft immer mit diesen arbeiten, wenn ich blogge, da sie viel mehr Aussagekraft besitzen, als ein einfaches Torschuss- und Ballbesitzverhältnis. Der niederländische Fußball-Blog 11tegen11 hat vor einiger Zeit angefangen, die Torschüsse bei Spielen zu gewichten und daraus ein „expected Goals“-Wert (xG) berechnet. Dieser gibt sehr viel genauer als das normale Torschussverhältnis die Qualität einer Torchance an. Während bei der üblichen Statistik ein Torschuss aus, sagen wir, 30 Metern, ähnlich in der Statistik zählt, wie ein Torschuss aus zwei Metern, werden die Arten der Torschüsse bei der „expected Goals“-Berechnung unterschiedlich gewichtet. Ein Torschuss aus zwei Metern auf ein leeres Tor erhält dabei einen Wert, der nahe 1 liegt, während ein Torschuss aus 30 Metern nur einen Wert von <0.1 erhält. Diese Werte bilden die statistische Wahrscheinlichkeit, dass aus den Torschüssen auch Tore werden, sehr viel besser ab. Ich garantiere euch, dass ihr diese Werte in weniger als zwei Jahren in jedem Spielbericht von kicker, etc. lesen werdet! 11tegen11 benennt xG-Daten folgendermaßen: „Expected goals are the poster boy of football analytics. Anyone who is not living under a rock and is even remotely interested in football and stats will have been confronted with expected goals in one form or another.” Eine sehr gute Zusammenfassung der xG-Statistik (auf deutsch) bietet Daniel Roßbach auf dem Eiserne Ketten-Blog, mit dem ich mich vorm Union-Spiel über Taktik unterhalten durfte.

Zusätzlich hat 11tegen11 noch „Passmaps“ zu bieten. Diese Daten gehen weit über die übliche Pass-Statistik hinaus und zeigen, welche Spieler sich wie häufig die Bälle zuspielen und wo sich die Spieler hauptsächlich auf dem Spielfeld bewegen. So zeigt sich in den Passmaps des FCSP schon seit Beginn der Rückrunde, dass im Grunde die Mitte des Spielfelds nahezu ungenutzt ist. Das liegt daran, dass die Pressingzonen der Gegner umgangen werden sollen, indem ein konsequent vertikales Spiel über die Außen aufgezogen wird.

Eine weitere Grafik zeigt dann noch eine andere wichtige Statistik an: Wie viele Pässe im letzten Drittel angekommen sind. Diese (very) deep completions sind ein Indikator dafür, wie gut sich ein Team in des Gegners Hälfte zurechtfindet. Nur die Kombination von xG-Werten und den completions zeigen dann letztendlich die Stärke eines Teams an, da gelungene Aktionen ja nicht immer in Torschüssen münden. So hat der FCSP im Heimspiel gegen Union eigentlich gut gespielt, der xG-Wert zeigt jedoch ein 3.1 zu 1.3 für Union an. Das lag daran, dass der FCSP die Chancen nicht zu Torschüssen gebracht hat. Die „very deep completions“, also die angekommenen Pässe im absoluten Gefahrenbereich zeigen ein 13 zu 5 für den FCSP. Beide Werte zusammen (xG und die angekommenen Pässe) zeigen dann ein ausgeglichenes Spiel, welches es letztlich auch war.

Nennt mich verrückt oder einen Nerd, aber für mich sind diese Daten das aussagekräftigste was die Statistik im Fußball momentan zu bieten hat!

Die Daten für das Hannover-Spiel sind aber leider noch nicht verfügbar, ich vermute, dass 11tegen11 wegen meines penetranten Nachfragens auf Twitter mich noch ein wenig zappeln lassen möchte. Allerdings hat unser Video-Analyst Andrew Meredith gerade auch nach den Daten gefragt, es sollte sich also nur noch um Stunden handeln. Ich melde mich dann wieder…
So, jetzt sind die Daten da und ich kann mich (leider nur kurz) dazu auslassen. War ja klar, dass die Daten dieses erste Mal, wo ich Euch die präsentieren möchte, nicht wirklich besonders sind, weil das Spiel so ausgeglichen war. Trotzdem: Wie man an den xG-Werten sehen kann, hat Hannover bis zur 80.Minute kaum stattgefunden, allerdings haben auch wir nicht wirklich viel zustande gebracht. Ein xG-Wert von knapp über 1 für beide Teams ist nicht sonderlich hoch. Die größten Chancen hatten nach den xG-Werten Thy in der 72. und Harnik in der 83.Minute. Der Pfostenschuss von Bouhaddouz fällt dabei nicht so sehr ins Gewicht, da der Winkel recht ungünstig war. Die completions zeigen ebenfalls eine ausgeglichene Partie mit 9 zu 12 very deep completions. Interessant auch das Passmuster, welches eine halbwegs verwaiste Mitte zeigt und eine Konzentrierung der offensiven Spieler im Zentrum. Alles in allem zeigen die Statistiken, dass das Unentschieden schon vollkommen in Ordnung geht, wobei Hannover erst in den letzten Minuten aufkam.
Unabhängig von diesen Statistiken ist ein Muster in unserem Spiel erkennbar. Sowohl gegen Hannover, als auch gegen Dresden und Karlsruhe kommen wir aus der Halbzeit und fahren die ersten 20 Minuten Angriffspressing. Das hat in allen drei Fällen gut funktioniert, aber gegen Hannover wollte kein Tor fallen. Gegen Dresden fällt das 2-0 und gegen den KSC machen wir in dieser Phase sogar drei Buden. Dieses Mal haben wir nicht getroffen und hinten raus fehlte uns ziemlich die Luft, weshalb Hannover zu einigen Abschlüssen kam. Nicht verwunderlich, Hannover hat bereits satte 18 Tore in der Schlussviertelstunde erzielt, davon vier in der Nachspielzeit. Wenn man sich dann in den ersten zwanzig Minuten der 2.Hälfte auspowert und nicht trifft, dann darf man sich nicht beschweren, wenn man verliert.

Nachm Spiel dann der übliche Weg zum Clubheim. Mein leises Bitten doch endlich mal in die Weinbar in der Gegengerade nach Schlusspfiff zu schlendern, wurde ignoriert. Nachdem D. uns im weiteren Verlauf des Abends von den Vorzügen dieses Etablissements erzählte („Digger Alder ey, Rum-Cola nur 5 Euro!“), werden wir das nachm nächsten Heimspiel definitiv mal auschecken. Stattdessen aber das Clubheim. Als dann auch das letzte Mitglied der heutigen Nice Guys-Fraktion aufgetaucht war (die Dame hing zwischen Hannover und Celle in der Bahn fest und verpasste den Anpfiff deshalb nur „gaaanz knapp“ um etwa 3 Stunden), entschied sich der Mob für den „Zoo“, da O. an den Plattentellern Gas gab. Mit im Schlepptau ein Hannover-Fan, seines Zeichens Jaceks Onkel. Der doch sehr öffentlich getragene Schal führte im „Zoo“ zu einigen Kommentaren, also wurde der Schal dann etwas defensiver getragen. Es gab wohl nach dem Spiel etwas Ärger mit Niedersachsen an der Feldstraße. Vertragt Euch, Leute!

Mein persönliches Highlight ereignete sich kurz nach Abpfiff, als der aus dem Gästeblock allseits beliebte Gesang „Scheiß St.Pauli“ im ganzen Stadion übernommen wurde. Selten so gelacht! Mich freut es jedes Mal, wenn wir den gegnerischen Fans durch solche Aktionen auf die Stumpfheit ihrer Gesänge aufmerksam machen. Schade finde ich es dann, wenn Teile unserer Fanszene die gleiche Art Gesang in Richtung Hannover-Fans loslassen. Das nimmt dem Ganzen den Spaß und stellt uns auf eine Stufe mit den Stumpf-IchfinddichScheiße-sorichtigSchschschScheiße-Gesang-Fan. Jetzt wo ich die Zeilen schreibe fällt mir auf, dass ich mich schon einmal dazu geäußert habe und zwar beim Auswärtsspiel in Hannover (#senfdazu25). Klar, es ist der kleine hsv und ich finde den Verein und Großteile der Fanszene auch nicht sonderlich, aber ich dachte immer, dass wir es besser können, als einfach ebenfalls zu verunglimpfen.
Dass es auch Hannover-Anhänger gibt (zufällig der gleiche, der später mit uns im „Zoo“ abgammelte), die mit ihrem Hirn noch ein wenig mehr Wörter als „Scheiße“ und „St.Pauli“ zusammenbasteln konnten, zeigte ein Banner in der 51.Minute (siehe Foto). Gerade der patriarchisch herrschende 96-Sonnenkönig Martin Kind wirbt ja recht offensiv für die Öffnung der Vereine für Investoren. Schön und wichtig, dass die Fanszene da nicht jeden Scheiß mitmachen will und schade, dass Martin Kind gar nicht im Stadion war. Und selbst wenn, so interessieren ihn die Belange der aktiven Fanszene nicht nur wenig, sondern sind ihm eher ein Dorn im Auge. Ich erinnere mich an die Schließung des 96-Fanprojekts und verschiedenste repressive Maßnahmen gegen 96-Fans. Wichtig und richtig also diese Aktion!

Nachdem wir im „Zoo“ dann einen Tisch für uns hatten und mit viel Bier nebenbei ein wenig Erstliga-Fußball schauen konnten, der aber zumindest im 18.30-Spiel nicht wirklich wie Erstliga-Fußball aussah, popelte ich Lothar Matthäus, der aus meinem Bauch erwuchs, noch ein wenig in der Nase.

Man, es war Zeit nach Hause zu fahren! Oder vielleicht hätten wir lieber gehen sollen, da Jacek noch unliebsame, aber glücklicherweise verletzungsfreie, Bekanntschaft mit einer Motorhaube machte. Holla, der wurde vielleicht abgeräumt! Kaum zu glauben, dass da nix passiert ist. Der Dönermann unseres Vertrauens brachte unsere Adrenalin-Pegel dann mit nem Döner und Ayran/Bier wieder auf Normal-Niveau. Zuhause dann noch die Wiederholung von Mailand-SanRemo. Scheiße Sport, ich liebe dich! Immerhin versüßt mir das die Länderspielpause! So, und jetzt ist der Roman vorbei, ich muss nämlich eigentlich arbeiten an diesem Sonntag.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Bilder:
Stefan Groenveld

Texte:
Admit nothing: Eiswürfel dazu?

#senfdazu32

FC St. Pauli – SG Dynamo Dresden 2:0

Man, endlich mal wieder ein Heimsieg! Ich glaube, dass ich mindestens aehnlich lange keinen Blog-Beitrag geschrieben habe, also bestimmt drei Jahre nicht mehr (alternative Fakten). Ich bin da ja eher der Schoenwetter-Schreiberling. Aber ueber Siege schreiben macht einfach Spass und deswegen sitze ich hier nun bei einer kalten Apfelschorle und haue in die Tasten. Allerdings quaelt mich ein mir unbekannter Mac (und ich habe keine Ahnung wie ich hier die Umlaute hinbekomme), Ihr werdet euch fragen: Was isn das fuer ein Doedel? Kann noch nicht mal mit nem Mac umgehen! Und ueberhaupt: Warum zur Hoelle trinkt der nach so einem rauschhaftem Heimsieg Apfelschorle? Jaja, mein wahres Leben besteht leider nicht nur aus unserem magischen FC; nicht immer nur bloggen und am Uebersteiger arbeiten und nach Glasgow fahren, ab und an mal auswaerts und immer zuhause; nein, das wahre Leben besteht momentan aus dem Zwang montags verdammt nochmal richtig hart zu delivern.

Daher heute, zur Ernuechterung aller, nicht nur meiner, also ohne die obligatorische und immer wieder erheiternde Suff-Geschichte. Nicht einmal den sympathischen Kater vom Vorabend kann ich liefern. Kein Suff, kein Staat, lieber nuechtern bleiben!

Also direkt zum Spiel, und dabei konzentriert auf das Wesentliche: Endlich mal gelungenes Pressing-Verhalten! Beide Tore sind Produkte eines sehr mutigen Offensivpressings, welches wir wirklich sehr selten am Millerntor zu Gesicht bekommen. Endlich bringen wir mal ein 1-0 beim Heimspiel in die Halbzeit! Und dann haut Ewald der alte Fuchs voll einen raus: Er wechselt offensive bei eigener Fuehrung. Klar ist der Wechsel Thy fuer Choi positionsgetreu, aber Choi interpretierte die Rolle des zweiten Stuermers doch deutlich defensiver als Lennart Thy. Ich erinnere mich, dass ich vor zwei Jahren mal einen Bericht ueber den damals sehr erfolgreichen daenischen Klub FC Midtylland gelesen habe. Der Klub wurde, laut eigenen Angaben (unser Videoanalyst Andrew Meredith verriet uns mal, dass das auch ein wenig PR ist), zu grossen Teilen basierend auf verschiedenen Algorithmen gefuehrt. Eine der genutzten Statistiken besagte, dass man ein Spiel eher gewinnt, wenn man bei knapper Fuehrung offensiv wechselt, da es dann die Wahrscheinlichkeit deutlicher erhoeht, dass man ein eigenes Tor erzielt, als dass man sich eines fängt. (Ich hab die Sonderzeichen gefunden!!!) Mich als alten Statistik-Fetischisten erfreute das dementsprechend besonders, als die wehrten Herren hinter mir ihrem “Was soll denn das mit Thy jetzt?! Das ist doch total dämlich!” megamäßig Unrecht behalten sollten. Eine weitere Statistik an der sich einige Nice Guys erfreuen konnten: Cenk Sahin hat diese Saison, für unsere Verhältnisse, bereits satte vier Tore erzielt. Alle diese Tore stellten das zweite Tor unseres FCSP im Spiel dar und, noch viel besser, wir haben alle vier Spiele gewonnen. Was ein Heilsbringer! (Das wir diese Saison bisher nur vier Spiele gewonnen haben, lasse ich betont innerhalb der Klammern stehen)


Da! Die Choreo der Nord!

Nach dem Tor von Sahin, kommt mit Gonther dann der dritte Innenverteidiger und wir spielen tatsächlich mit einer Fünferkette, damit auch ja nichts mehr anbrennt. Ich meine in dem Gesicht von Bouhaddouz etwas Enttäuschung bei der Auswechslung gesehen zu haben. schließlich machte es grad Spaß, weil das Pressing funktionierte und Konter gerollt wurden. Der Beton war dann der Endgegner für bereits entmutigte Gegner.

Nach dem Spiel war dann noch kurz sinnloses rumstehen in der Kälte angesagt, bevor es für mich in Richtung Apfelschorle ging. Auch bei uns war natürlich die Halbzeit-Tapete ein Thema. In Zeiten, in denen die Südkurve in Dortmund gesperrt wird, sorge ich mich ein wenig (auch, wenn es nur um eine einzige Tapete ging). Vernünftig zusammengefasst hat es der Übersteiger-Blog (Link unten) und dem ist kaum noch etwas hinzu zu fügen. Nur so viel: Eine Tapete, welche die adressierten Dresdener in den Zaun beißen lässt, haben diese sich nach einer Vielzahl von geschmacklosen Spruchbändern, reichlich verdient. Die Message ist auch richtig, dafür ist aber kein solcher Spruch notwendig gewesen. Pietätlosigkeit stand bestimmt ganz unten auf der Wunschliste mit Zielen dieser Tapeten.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Auch an den Tasten:

Übersteiger-Blog: 20.Spieltag (H) – SG Dynamo Dresden
Stefan Groenveld-Blog: Brustlöser
BeebleBlox: Klassenkampf, nächster Akt
SouthEndScum: The Boys Are Back!
Millerntor.Hamburg: Pferdeärsche und Ackergäule