Beiträge von timbo

#senfdazu43

KSV Holstein – FC St. Pauli 0:1

Meine Auswärtsfahrten der letzten Jahre lassen sich mittlerweile problemlos an einer Hand abzählen. Und wenn ich dann auswärts fahre, dann bin ich genau das, was der Fanladen gerne als „cherry picker“ bezeichnet. Ich suche mir die Fahrten aus, die für mich erträglich sind. Ich habe allergrößten Respekt vor denen unter uns, die sich im Bus auf den Weg nach Sandhausen, Nürnberg, Ingolstadt, ganzweitwegimSüden machen. Ich war vor gut zehn Jahren in Frankfurt mitm Bus. Die 0-1 Niederlage in Verbindung mit dem Fanclub FC Halligalli als Mitfahrer hat mir ehrlichgesagt gereicht um mich von zukünftigen, längeren Bustouren fernzuhalten.

Nun also, als junger Vater und Arbeitnehmer, also anders als dieses Vagabunden-Dasein als Student, habe ich mir bereits vor der Saison geschworen, dass ich, neben einer Fahrt im Sonderzug zum letzten Auswärtsspiel (ich sach ja: „cherry picker“) nach Kiel fahren möchte. Wenn ich cool wäre, dann würde ich sagen: „Den Ground hatte ich noch nicht.“, aber spätestens nach den ersten Zeilen ist dem aufmerksamen Leser klar, dass ich höchstens zwei Dutzend „Grounds“ habe und diese Aussage daher eher so lala als Argument für die Fahrt gelten dürfte. Nein, es ist natürlich der Zeitaufwand der hier ausschlaggebend gewesen ist. Ich habe mich gestern um 13.30 auf die Socken gemacht und war um 23.30 wieder zuhause. Läppische zehn Stunden der Trip, das schaffe ich meist nicht einmal bei Heimspielen.

Der Termin unter der Woche führte dann auch tatsächlich dazu, dass die Nice Guys-Fraktion arg dezimiert die Reise antrat. Genaugenommen handelte es sich nur um mich. Natürlich ist man bei St.Pauli-Spielen nie so richtig alleine, denn da laufen einem doch immer einige bekannte Nasen vor der Linse rum und außerdem bietet so eine Single-Reise auch immer die Möglichkeit mal wieder ein paar neue Gesichter kennenzulernen. So durfte ich mir den Bus mit KKSP teilen. Dem Fanclub also, dessen Banner im Laufe des Abends durch einige unerwartete Hände gereicht wurde. Aber fangen wir vorne an:

Noch bevor der erste Bus überhaupt den Vorplatz erreichte hatte ich bereits drei ÜS verkaufen dürfen. Meinen Plan insgesamt 200 Stück mit nach Kiel zu schleifen, habe ich glücklicherweise noch einmal überdacht, da ich dann auch gemerkt habe, dass die meisten Auswärtsfahrer dieses Stück Premium-Print-Ware meist schon besaßen oder sich schlichtweg nicht dafür interessierten, aber es ihnen keinesfalls entgangen war, dass ein neuer ÜS erhältlich ist. Im Laufe des Tages habe ich dann aber doch noch etwa 40 Hefte verkauft. Der Verkauf der ÜS führte aber auch dazu, dass ich den Platzsturm der Kieler Anhänger verpasst. Ich bekam vom Vorplatz nur mit, dass gefackelt wurde und hörte einige Pfiffe. Ich wunderte mich zwar, dass bereits deutlich vor Spielbeginn damit angefangen wurde, aber ärgerte mich im ersten Moment eher darüber, dass ich es verpasste. Denn ich schaue mir gerne Rauch und Leuchtfackeln an. Über die Umstände und genauen Abläufe wird sicherlich an anderer Stelle zu genüge geschrieben (ich empfehle den ÜS-Blog) und über die Dämlichkeit einer solchen Aktion braucht man sich sicherlich nicht zu unterhalten. Die Reaktion des eigenen Teams ist dann natürlich irgendwo zwischen Weltklasse und legendär einzuordnen. Es war übrigens das KKSP-Banner, dass Sami Allagui wiedergeholt hat, nicht, wie zuerst weit verbreitet das der New Kids. Zusätzlich wurde noch beim Versuch des Raubes das Banner von Ölene Kadar zerissen. Immerhin haben die Bratzen keine Zielgenauigkeit, sodass die Fackeln keine Gäste trafen.


Unten/Mittig: Fans und Ordnungsdienst des KSV. Hinten: Der Gästeblock.

Zur selben Zeit bahnte sich vor dem Gästeblock aber ein weiteres Desaster an, welches sehr viel schlimmer hätte enden können. Meinen Schätzungen zufolge waren im Block etwa 2000 Leute. Für diese 2000 Leute gab es genau einen einzigen Eingang. Und an diesem Eingang befand sich genau eine einzige Person, die die Tickets kontrollierte. Man muss kein Mathematiker sein, um zu erkennen, dass diese Rechnung bei weitem nicht aufgeht. Man hätte das auch nicht erst gestern, sondern bereits lange vorher wissen können. Trotzdem gab es eben nur diesen einen Eingang und als ich mich dann gegen 18.10 aufmachte, befanden sich nach meiner Schätzung noch etwa 1000 Leute vor dem Stadion. Die Art des Eingangsbereiches kann auch durchaus als Nadelöhr bezeichnet werden. Eigentlich hätte man die Einlasskontrolle über wenige Meter erreichen können, aber durch Absperrgitter wurde der Weg verlängert. Als es dann zeitlich knapp wurde, kam es dazu, dass viele Fans einfach den direkten Weg wählten, also über die Absperrgitter kletterten. Hierbei handelte es sich aber nicht um einen Blocksturm, denn es wurde nur der Weg hin zur Einlasskontrolle verkürzt. Die Reaktion des Kieler Ordnungsdienstes auf den plötzlichen Ansturm kurz vor Anpfiff, der ja zu erwarten gewesen ist, war jedoch nicht die Öffnung eines zweiten Tores, sondern die Hinzuziehung der Polizei. Diese fuhr dann auch mal direkt mit nem Wasserwerfer vor, welches natürlich für enorme Unruhe bei uns Wartenden sorgte. Daraufhin drängten einzelne nämlich, in Erwartung einer Dusche, weg vom Einlass. Zusätzlich wurde der Einlass dann erstmal komplett gesperrt, während von hinten weiter Leute über die Absperrung kamen. Das Drehbuch für eine Katastrophe. Ich war mittendrin und es wurde seeehr eng. Was für eine fatale Sicherheitskonzept-Scheiße ist das denn gewesen?! Ein Glück hat der Großteil der Leute die Ruhe bewahrt und die Polizei den Wasserwerfer nicht eingesetzt. Statt der Öffnung eines weiteren Eingangs, wurden die Kontrollen dann unfreiwillig runtergefahren. Ich bin letztlich ohne Ticket- und Körperkontrolle ins Stadion gekommen. Das kann ja nun auch nicht wirklich das Ziel des Ordnungsdienstes gewesen sein. Stefan hatte bereits im MillernTon davon erzählt wie dilettantisch die Planung des Spiels von Kieler Seite durchgeführt wurde. Ein Glück ist nix passiert, ihr Deppen!

Vom Spiel selbst kann ich dann ehrlichgesagt wenig erzählen. Das liegt vor allem daran, dass die Sicht bestenfalls als mittelmäßig bezeichnet werden kann. Sobald sich der Ball auf der gegenüberliegenden Hälfte befand, konnten Abstände der Spieler und deren Höhe auf dem Spielfeld nur gemutmaßt werden. Ich freute mich aber bereits vor Anpfiff, dass Neudecker endlich mal von Beginn an randurfte. Seine Vorlage zum Tor ist ein Sinnbild für seine Fähigkeiten und ich hoffe, dass wir noch mehr Einsätze von ihm sehen.
Bemerkenswerterweise kam stimmungsmäßig von Kiel gar nix. Da ich auch keinerlei Fahnen in deren Block gesehen habe, gehe ich mal davon aus, dass das nicht immer der Fall ist. Ich habe mich bei USP im Block aufgehalten, da bekommt man lautstärkemäßig aus anderen Blöcken aber auch naturgemäß wenig mit. Vielleicht haben die Kieler ja auch supportet, aber ich habs nicht gehört, gesehen habe ich ja so oder so schlecht. Über die Stimmung im Gästeblock kann ich auch nur mutmaßen, in meiner Nähe war halt Feuer, aber ob das rundherum der Fall war, kann ich nicht bewerten. Grundsätzlich ist so eine langgezogene Kurve aber eher kontraproduktiv in Sachen Support und eine fehlendes Dach tut sein Übriges.

Umso geiler, dass wir das Ding über die Zeit bringen! Mit 13 Punkten aus sieben Spielen kann man durchaus zufrieden sein, zumal wir ne amtliche Verletztenliste haben. Allein die Art und Weise der Siege und das Torverhältnis sollten uns aber aufzeigen, dass nicht alles so rund läuft und ehrlichgesagt hätten alle vier Siege auch Niederlagen sein können. So richtig überzeugt haben wir bisher nur partiell gegen Bochum und Heidenheim. Jetzt kommt mit Düsseldorf ein ähnlich offensivstarkes Team wie Kiel zu uns. Ich kann die Fortuna nicht leiden, das sage ich jetzt schon mal. Das wird kein schönes Fußballspiel.

Auf der Rückfahrt beging mein Sitznachbar von der Basis dann den Fehler, mich vorsichtig nach taktischen Dingen zu fragen. Die Silben explodierten über einige Zeit nur so aus mir heraus und wurden erst durch die Rast gestoppt. Er brachte mir dann ungefragt nen halben Liter Bier mit. Ich verstand und hielt meine Klappe…

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Es schrieben auch:
SouthEndScum: Matchday 07
Übersteiger-Blog: 7.Spieltag (A) – KSV Holstein Kiel

#senfdazu41

FC St. Pauli – 1. FC Heidenheim 1:0

Reichlich spät setze ich mich ans Werk. Woran es lag? Orsen ist 50 geworden und lud am Samstag zur Sause ein. Dementsprechend ereilten gestern Lähmungserscheinungen meinen gesamten Körper. Nun sind meine Finger aber wieder hibbelig wie eh und je und daher ab an die Tasten:

Im Schatten der anstehenden Party ging die samstägliche Nice Guys-Fraktion den Tag taktisch an, also ganz nach meinem Geschmack. Ein Bier vor, ein Bier im Stadion und dann ran an die Cola. Völlig überzuckert dann raus aus dem adrenalingeschwängerten Millerntor und dann noch ein „Fuß-Pils“ für’n Weg (ich liebe diesen Gag). Erstmal rein ins Viertel, denn Flippa wollte sich doch tatsächlich noch eine Jacke von Zuhause holen. „Für später, wenn‘s kalt wird“. Jungejunge, bist Du etwa 50 geworden, du alte Frostbeule?! Ich blieb bei Shorts und T-Shirt. Bewaffnet mit Flippa’s Rentner-„ichwillmichnichterkälten“-Equipment ging es dann ab zu Nice Guy Franz, um die 2.Halbzeit der Bundesliga-Konferenz schauen. Orsen, Profi-Fußball-Fan durch und durch lud nämlich erst um Punkt 17.15, also nach Abpfiff der Konferenz ein. Trotz höherer Zucker- als Promillewerten habe ich mir den starken Kaffee gerne reingezogen. Im Anschluss fühlten wir uns dann perfekt vorbereitet: Der aufkommende Hunger konnte auf der Party gestillt werden und das Verlangen nach Bier mit fehlender Kohlensäure stieg bei meinen Nebenleuten. Ich bin bei Bier ja eher norddeutsch: kalt, herb, viel Kohlensäure. Diese ganzen Ale’s und Getränke, die ohne Kohlensäure serviert werden, sind ja nicht so meins – da hatte ich bereits miese Erfahrungen während unseres Glasgow-Trips gemacht. Der Abend wurde dann lang und ganz so schlimm kann ich die fehlende Kohlensäure nicht gefunden haben, zumindest meldete mein Körper das am Sonntag. Der Abend wurde sogar so lang, dass ich tatsächlich nach meiner Ankunft zuhause noch kurz bei Mayweather vs. McGregor reinschauen konnte – was für eine Quatsch-Veranstaltung!

„Moment!“ sagt der gemeine Blog-Leser, „wo ist der Abschnitt zum Spiel? Das ist doch ein Blog über Spiele des FC Sankt Pauli!“. Gemach, gemach liebe Freunde des Ballsports; die vorherigen Zeilen sprudelten nur so aus meinen quick-lebendigen Fingern, die harten Zeilen folgen jetzt:
Der FCSP startet mal wieder mit dem inzwischen gewohnten 4-4-2. Dass das dieses Mal nicht sonderlich gut funktionierte, konnte jeder im Stadion in Halbzeit eins begutachten. Zwar gab es viel Ballbesitz, aber wir schafften es nicht, die Achter/Zehner in den Zwischenräumen anzuspielen. Dieses Problem ist altbekannt und trotzdem weiterhin eine unserer größten Schwächen im Spielaufbau. Dann kommt noch ein so kompaktes Team wie Heidenheim ans Millerntor. Wenn dann zusätzlich die beiden Spitzen einen mäßigen Tag erwischen und die langen Bälle konsequent halbhoch auf den Spieler N. Irgendwo gespielt werden, wird es unappetitlich. Wenn der Gegner auch noch, ähnlich hilflos, versucht mit F. Ehlpass ein Dreiecksspiel aufzuziehen, dann wird es wirklich grauenhaft. So geschehen in Halbzeit eins. Viel schlimmer, man möchte zwar meinen, dass es nicht viel schlimmer sein könnte, aber doch, das war es, finden die Nice Guys dieses Gemotze und Gejammer auf der Gegengeraden. Leute, das ist hier Zweitliga-Fußball! Nur, weil ihr im Fernsehen mal eine Ballannahme von IchspieldreiSpielermitderHackeaus gesehen habt, ist nicht zu erwarten, dass Spieler mit ähnlichen Qualitäten in der zweiten Liga auf dem Platz stehen. Und wenn der Ball zwar bereits im gegnerischen Drittel war und sich keine Räume dort ergeben haben und wir es schaffen, den Ball dann über unseren Torwart zirkulieren zu lassen, um eine neue Situation zu kreieren, dann ist das für mich eine erfolgreiche Aktion. Wesentlich erfolgreicher, als ein Ballverlust durch einen „Kann-Muss-aber-nicht“-Pass. Und dann ist Halbzeit und da wird doch tatsächlich von einigen gepfiffen! Geht woanders hin! Ihr nervt! Oder macht es anders und fangt an einen Blog zu schreiben, wie ich. Da kann man sich herrlich aufregen, ohne, dass es jemanden nervt bzw. der Leser kann selbst entscheiden, ob er dem Mecker-Monolog weiter folgen möchte. Abgesehen davon, muss aber erwähnt werden, dass die Stimmung insgesamt überraschend gut für einen Samstag-Mittag gewesen ist.

Jedenfalls wurde dann zur zweiten Halbzeit reagiert. Mit der Hereinnahme Möller Daehli an Stelle von Allagui wurde auf ein flexibles 4-1-4-1 umgestellt. Die vier offensiven Mittelfelder haben sich dabei klug zwischen den Ketten bewegt und sehr variabel ihre Positionen getauscht. Dadurch entstand ein Übergewicht 30-40 Meter vor des Gegners Tor und es konnten so sehr viel mehr Situationen kreiert werden, in denen wir zu Torchancen hätten kommen können. Ja, „hätten kommen können“, denn bis auf das Ding von Atze kurz vor Schluss, gab es nicht wirklich nennenswerte Abschlüsse. Zwar wurde unser Spiel besser, aber es fehlte der berühmte letzte Pass. Grundsätzlich zeigte sich aber, dass ein 4-1-4-1 eine gute Lösung ist, um die Bälle kontrolliert ins letzte Drittel zu bekommen. Den Verteidigern bieten sich einfach mehr flache Anspielstationen in dieser Zone. Es war ein großer Spaß in der zweiten Halbzeit die Spielfreude zu erleben. Und wenn man ehrlich ist, dann ist die Reihe mit Sobota-Sahin-MöllerDaehli-Buchtmann schon ein echtes Brett für andere Zweitligisten. Ein Glück ist diese zweite Halbzeit dann nicht nur zur Schönspielerei verkommen, sondern wurde mit einem Tor der Kategorie „Kack-Tor des Monats“ veredelt. Egal, ich habe mal gelesen, dass in einem Stadion eine Lautstärke von bis zu 124 Dezibel erzeugt werden kann. Ich vermute, dass wir letzten Samstag ganz nah dran waren an diesem Wert. Man, Siegtore in der Nachspielzeit, ihr kommt immer dann, wenn man nicht mehr daran glaubt und der Frust gerade dabei ist die Hoffnung zu besiegen! Ich liebe Euch!

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Gröni – In letzter Sekunde…
BeebleBlox – Ecke Ecke Ecke Tooor
Magischer FC – Prozessorientiert
SouthEndScum – Matchday 04

#drumerherum8

Wir gegen weniger – Mythos Überzahlschwäche

Dieser Beitrag erschien gleichzeitig in dem Übersteiger-Blog.

Im Gegensatz zum gemeinen Menschen tickt der gemeine Fußball-Fan etwas anders: Während der Mensch gerne die schlechten Erinnerungen vergisst und sich nur an die „gute alte Zeit“ erinnert, hat der Fußball-Fan eigentlich zu jeder Spielsituation eine schlechte Erinnerung parat. „Wir spielen gegen den Tabellenletzten? – Das steht doch im Drehbuch, Digger! Solche Spiele haben wir schon immer verloren!“ Mit dieser Thematik hatte flippa sich vor unserer Auswärtsfahrt nach Duisburg befasst (#drumherum4) und konnte diese These zumindest teilweise entkräften. Das diese Amnesie der guten Erinnerungen auch etwas abwegige Züge annehmen kann, zeigte Frodo mit seiner Statistik zu den Verbindungen zwischen FCSP-Spielen und dem Münster-Tatort. Daher bin ich mir bewusst, dass der Aberglaube groß und die Lunte im Stadion relativ kurz sein kann, wenn man einer schlechten Erinnerung mit fundierter Statistik entgegenkommen möchte. Jetzt in der Sommerpause vermute ich alle Gemüter zu Genüge abgekühlt um mal ein wenig Statistisches in die Köpfe zu brennen.

Nachdem flippa sich in #senfdazu36 bereits vorsichtig äußerte und der sehr gute MillernTon041 ebenfalls einige Aussagen zu dieser Thematik beinhaltete, wurde es Zeit sich einmal intensiv mit der These „Gegen Mannschaften in Unterzahl sehen wir immer schlecht aus“ zu beschäftigen. Nach einem gegnerischen Platzverweis rumort es häufig auf der Gegengerade, da wir gegen Teams in Unterzahl „noch nie gewonnen“ hätten. Nun, der Sieg in Düsseldorf vor wenigen Wochen wies zumindest das „nie“ ins Reich der Fabeln, doch war es nur das Ende einer erschütternden Statistik, welche die Unfähigkeit des FCSP bei Überzahl offenlegt? Schau’n wir mal:
Zuerst muss definiert werden ab wann ein Spiel in Überzahl als „besser“ und wann als „schlechter“ gewertet wird. Ich habe mich daran gehalten, dass eine Verbesserung der Punktzahl, die am Ende des Spiels erzielt wurde, im Vergleich zur Punktzahl, die zum Zeitpunkt des Platzverweises erzielt worden wären, als „besser“ in die Wertung eingeht. Umgekehrt ist ein Spiel als „schlechter“ bewertet worden, wenn wir die Punktzahl, die wir für den Spielstand vor dem Platzverweis erhalten hätten, nicht halten konnten. Zwei (noch) fiktive Beispiele: Real Madrid spielt uns an die Wand, wir liegen bereits nach 30 Minuten mit 0-2 hinten. Bernd Nehrig, der alte Hund, provoziert den schmalzigen Portugiesen derart, dass dieser sich zu einer üblen Tätlichkeit hinreißen lässt. Klarer Fall für ne rote Karte. Im Anschluss berauschen sich unsere Jungs am adrenalingeschwängerten Support des Millerntors und drehen das Spiel noch in ein 3-2. Dieses Spiel geht in die Wertung als „besser“ ein. Aber auch ein 2-2 hätte für die Einstufung „besser“ gereicht, da mehr Punkte als vor dem Platzverweis erzielt worden wären. Zweites Beispiel: Juventus Turin ist zu Gast. In einem emotionalen Spiel verlieren wir nach 1-0 Führung noch 1-2, obwohl Mario Mandzukic bereits beim Stand von 1-0 des Feldes verwiesen wurde. Das Spiel geht also als „schlechter“ in die Wertung ein (da wir das Hinspiel in Turin mit 2-0 gewinnen konnten, stehen wir aber trotzdem im CL-Finale). Hätten wir die Führung in Überzahl verteidigt, so hätte ich das Spiel ebenfalls als „besser“ gewertet, da es ja nicht besser geht. Die Wertung „gleich“ bekamen nur Spiele, die zum Zeitpunkt des Platzverweises und zum Abpfiff Unentschieden waren.

Zugegeben, diese Definition hat Schwächen. Zum einen ist es ein großer Unterschied, ob der Platzverweis in der 5. oder der 85. Minute stattfindet. Die Vorteile einer frühen Überzahl gegenüber einer späten erklären sich sicherlich von selbst. Somit ist Überzahl nicht gleich Überzahl. Ich habe daher Spiele aus der Wertung genommen, wenn der Platzverweis nach der 80. Minute geschah und dadurch eher geringen Einfluss auf den Spielausgang nehmen konnte. Zusätzlich spielt es natürlich auch eine Rolle, wie der Spielstand vor dem Platzverweis ist. Beim Stand von 0-3 (siehe Bremen 10/11) macht die Überzahl den Kohl dann auch nicht mehr Fett. Trotzdem habe ich alle Spiele in Überzahl, unabhängig vom Spielstand gleich bewertet. Zusätzlich kann die Wertung „besser“ rein subjektiv auch ganz anders betrachtet werden. Als Beispiel dient hier das 3-3 beim FSV Frankfurt aus der Saison 2011/12: Beim Rückstand von 1-3 wurde der Frankfurter Björn Schlicke in der 39. Minute des Feldes verwiesen. Innerhalb weniger Minuten stellten Kruse (41.) und Bartels (46.) auf 3-3. Im Anschluss blieben dann noch vieleviele Zeigerumdrehungen der Überzahl ungenutzt, um noch das Siegtor zu erzielen. Ich erinnere mich gut an dieses Spiel und ich ärgerte mich damals maßlos, dass wir trotz mehr als 50 Minuten Überzahl nicht gewannen. In meine Statistik geht das Spiel jedoch trotzdem als „besser“ ein, da von 1-3 auf 3-3 gestellt wurde.

Ich habe mir die Ligaspiele von der Saison 2007/08 an bis heute angesehen (und ich habe mein Bestes gegeben, fehlerlos zu arbeiten, was aber sicherlich nicht ganz der Fall sein wird). Von den in dieser Zeit 306 absolvierten Partien haben wir 35 in Überzahl bestritten, also etwas mehr als 10%. Insgesamt zehn Partien sind jedoch wieder ausgesiebt worden, da der Platzverwies nach 80+ Spielminuten stattfand. Die Partie in Düsseldorf 16/17 stellte ein Novum dar, da hier gleich in doppelter Überzahl agiert wurde. Bei zwei Spielen wurde in der Nachspielzeit noch durch eigene Platzverweise zahlenmäßig Gleichstand hergestellt (Niederlage K‘lautern 08/09; Niederlage Bremen 10/11). Ich habe diese Spiele trotzdem in die Wertung aufgenommen, da wir einige Zeit in Überzahl spielen konnten. Andere Spiele, in denen Platzverweise für beide Teams in kurzer Zeit ausgesprochen wurden (innerhalb von 10 Minuten), habe ich in der Statistik nicht berücksichtigt.

So, kommen wir endlich zum Wesentlichen: Von den 25 Partien, die wir in zeitlich nennenswerter Überzahl spielten, haben wir satte 16 letztendlich auch gewonnen und in zwei weiteren Partien zumindest noch den Ausgleich erzielt. Von den 16 gewonnenen Spielen haben wir 7-mal den Vorsprung über die Zeit gebracht, ebenfalls 7-mal aus einem Unentschieden noch einen Sieg gemacht und zweimal sogar einen Rückstand noch in einen Sieg gewandelt (M‘gladbach 10/11 und Duisburg 08/09). Zweimal schafften wir es nicht aus einem Unentschieden noch einen Sieg zu machen, darunter das 0-0 vs Sandhausen aus dieser Saison, der Wurzel der aufkeimenden These. In lediglich fünf Partien haben wir nach Überzahl schlechter abgeschnitten als vorher. Darunter befinden sich epische Kacktore wie 11/12 das 2-2 von Fürth als wir das vermeintliche 3-1 durch Naki in der 90. Minute bejubelten, „Song 2“ aus den Boxen dröhnte und Oliver Occean unbemerkt zum Ausgleich einschob. Oder 07/08 als Jena ein 1-0 noch in ein 1-2 drehen konnte und Bruns uns mitm Schlusspfiff zumindest das Unentschieden rettete. Damals, als Jan Simak mindestens fünf Minuten brauchte um sich nach Aufleuchten seiner Nummer gen Auswechselbank zu bewegen. Da kocht heute noch Wut in mir hoch. Die Wurst ist sogar vorher noch im Vollsprint auf die andere Seite gelaufen, damit der Weg noch länger war. Ich habe nie einem Spieler mehr Schimpfwörter entgegengebracht als Simak seinerzeit. Das mag natürlich an meiner inzwischen nicht mehr so cholerischen Art liegen, jedoch sind auch bei mir diese Kackspiele in Überzahl wesentlich präsenter als zum Beispiel das 2-1 gegen Bochum (nach 1-1) aus der Saison 09/10. Ich bin also auch einer dieser Fußball-Fans, dem eher schlechte Erinnerungen aus dem Hirn sprudeln.

Trotz dieser sehr präsenten Erinnerungen muss ich erkennen, dass 18 von 25 Spielen in Überzahl mit einem besseren Ergebnis endeten als vor dem Platzverweis. Das sind statistisch signifikante 72%. Es kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass wir fast drei Viertel aller Spiele in Überzahl erfolgreich gestalten. Ist der vielerorts gepflegte Pessimismus nach gegnerischen Platzverweisen also nur eine Schutzfunktion? Eine Art Unglücks-Versicherung, damit man im Nachhinein zumindest sagen kann: „Hab ich’s doch gewusst!“, wenn wir das Spiel nicht erfolgreich gestalten und man somit trotzdem ein leichtes Gefühl des Erfolges mit nach Hause nehmen kann? Die Statistik sagt: ja. „Moment!“ sagt der gewiefte Pessimist. Es stellt sich ja auch die Frage, wie wir Spiele ohne gegnerischen Platzverweis gestalten. Vielleicht sind wir da ja besser und gewinnen mehr Spiele bei eigener Führung! Eine Vergleichs-Statistik muss also her. Deswegen habe ich insgesamt 25 Spiele ausgewählt (aus der Saison 16/17), die zur Halbzeit den Ergebnissen (Führung-Unentschieden-Rückstand) der 25 in der Platzverweis-Statistik aufgenommenen Spiele entspricht. Auch hier hängt die Definition: Wieso erst zur Halbzeit? Welche Spiele werden aufgenommen (in der Aufstiegssaison sind die Spiele ja grundsätzlich besser als in der Abstiegssaison)? Ganz ehrlich: Das macht es mir viel einfacher bei der Auswertung und daher habe ich das so definiert. Wenn jemand das gerne etwas genauer hätte, dann darf er/sie gerne mit mir in Kontakt treten.

Aus dieser Statistik wird deutlich, dass nur 8 von 25 Spielen ohne Platzverweis in der 2.Halbzeit mit einem besseren Ergebnis endeten (bzw. die Führung verteidigt wurde). Das macht schlaffe 32%. Im Vergleich zu den 72% der erfolgreichen Spiele in Überzahl stinken die Spiele in Gleichzahl also mächtig ab. Wenn wir zur Halbzeit hinten lagen, haben wir diese Saison mal so gar nix auf die Kette bekommen. Warum das so ist, kann ich bei Zeiten mal spieltaktisch aufarbeiten. An dieser Stelle habe ich erst einmal genug der verbogenen Statistiken und hingedrehten Wahrheiten. Ich habe mit diesen Statistiken eindrucksvoll gezeigt, dass ich Tabellen mit Zahlen erstellen kann. Der Rest ist Ansichtssache. Trotzdem: Nächstes Mal bei gegnerischem Platzverweis einmal kurz in Gedanken Simak in den Arsch treten und dann die Jungs weiter nach vorne pushen!

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

P.S.: Wie steht es eigentlich bei eigener Unterzahl? Ich habe da ein Spiel gegen Regensburg in Erinnerung, als wir beim Stand von 2-1 dank Ginczek in Unterzahl gerieten, uns kurz vor Schluss noch das 2-2 fingen, nur um uns dann dank Bruns mit dem Schlusspfiff in Ekstase versetzen zu lassen. Trotzdem glaube ich, dass diese Statistik wesentlich ernüchternder sein wird und lasse lieber mal die Finger davon.

#timbostaktik4

Dieser Text wurde bereits im Übersteiger #127 veröffentlicht. Nun auch hier im Blog.

Grundformationen

Mit der Beschreibung von Grundformationen ist das so eine Sache. Haben die Bayern unter Guardiola ein 4-1-4-1 oder ein 3-4-3 gespielt? Zählt ein abkippender Sechser zur Viererkette und der aufrückende Außenverteidiger ins Mittelfeld oder gar in den Sturm? Viele Fachmänner können mit den Zahlenspielen in der Fußballjournalistik nichts anfangen, geht es doch um das Spielsystem in Defensiv- und Offensivsituationen und davon gibt es weit mehr als das übliche „die Mannschaft xx spielt heute im 4-2-3-1.“. Es ist eher so: Nennt einfach drei oder vier Zahlen die zusammen eine 10 ergeben, fangt mit einer Vier an und ihr könnt euch sicher sein, dass es diese Formation schon einmal im Weltfußball gegeben hat. Einig ist man sich immerhin darüber, dass die Mannschaften ihre Formation während des Spiels variieren, es jedoch zumindest eine Grundformation gibt.
Wenn die eigene Grundformation mit der des Gegners verglichen wird, geht es darum wie viele Spieler im Verhältnis zum Gegner im Raum verteilt sind. Das Ziel ist einfach: Mit der eigenen Formation soll eine Überzahl in den Fokusbereichen des Spielfelds geschaffen werden. Eine numerische Überzahl führt zwar nicht zwingend zu einem Torabschluss oder einem Ballgewinn, allerdings erhöht sich die Chance enorm. Doch welche Formation ist wann die beste? Wir zeigen die aktuell gängigsten Formationen mit ihren Vor- und Nachteilen.

4-4-2 flach:
„flach“ bedeutet in diesem Fall, dass anstelle einer Raute, wie sie vor zehn Jahren angesagt war (und Bremen 2004 zum Double-Sieger machte), nun eine Doppel-Sechs aufgeboten wird. Dieses System besticht durch Variabilität, welches aber auch Risiken birgt. Während ein Stürmer durchgehend zentrumsfokussiert agiert, kann der zweite Stürmer als falsche Neun wirken und Räume für nachrückende Spieler schaffen. Meist lösen sich ein Sechser und ein Stürmer horizontal, es kann aus dieser Formation aber auch über das Zentrum aufgebaut werden, wenn der Gegner nur einen Sechser aufbietet. In der Offensive steht und fällt der Erfolg des Teams mit der Leistung der falschen Neun, da nur diese Räume schaffen kann. Zur Unterstützung werden deshalb inzwischen häufig die äußeren Mittelfelder nach innen gezogen, wodurch den Außenverteidigern eine zentrale Rolle im Spielaufbau zukommt. Gegen den Ball können leicht Pässe nach Außen provoziert und dann gedoppelt werden, allerdings besteht gegen Teams im 4-2-3-1 eine numerische Unterzahl im Zentrum, welches diesen eine Vielfalt an Möglichkeiten bietet.

4-2-3-1:
Momentan der Shit in Liga Zwei. Im Offensivspiel können die drei offensiven Mittelfeldspieler bei Ballgewinn sofort in Szene gesetzt werden und sehr variabel verschieben. Einer der Sechser kann ebenfalls Einrücken ohne, dass bei Ballverlust zu große Lücken entstehen, da der zweite Sechser rückverteidigt. Die Sechser und die Zehn führen zu enormer Präsenz im Zentrum. Diese muss vom Gegner, egal in welcher Formation, erst einmal zugestellt werden, welches wiederum Räume auf den Außenbahnen ermöglicht, die mit geschicktem Verschiebeverhalten des Zehners in Überzahlsituationen münden können. Nachteilig ist die Einzelbesetzung der Stürmerposition, da dieser positionsgebunden ist und ohne Horizontalbewegungen agiert. Das führt dazu, dass Räume im Zentrum nur schwerlich geöffnet werden können. Einige Teams spielen daher mit einem einrückendem Sechser als Halbstürmer (siehe Rzatkowski 14/15). Im Spiel gegen den Ball sorgen die Sechser ebenfalls für Präsenz im Zentrum und können auch abkippen, falls der Gegner zwei Stürmer aufbietet. Die Überzahl im Zentrum führt zwangsläufig zu einer Unterzahl auf den Flügeln, welches nur durch hohe Laufbereitschaft und geschlossenes Verschieben ausgeglichen werden kann.

3-5-2:
Eine Formation, die uns in Zukunft häufiger begegnen wird. Das System lässt sich mit einem Wort beschreiben: variabel. Eigentlich ist es eine Frechheit es 3-5-2 zu nennen, denn je nach Spielsituation ist es ein 5-3-2, 4-4-2, 3-3-4 oder 4-3-3. Die Dreierkette kann variabel durch die äußeren Mittelfelder zu einer Vierer- oder Fünferkette anwachsen, welches die Räume stark verengt. Hierbei werden allerdings die Flügel vernachlässigt. Die Unterzahl auf den Flügeln führt dazu, dass von den äußeren Mittelfeldern läuferisch, taktisch und technisch höchste Qualität abverlangt wird. Ist diese Qualität vorhanden, erfüllt diese Formation alle Ansprüche: Zwei Stürmer besetzen dauerhaft die Tiefe. Das Zentrum ist mit drei Spielern ausreichend besetzt und die letzte Kette kann in Notsituationen aus fünf Spielern bestehen. Die taktische Feinabstimmung muss aber sitzen, ansonsten können sich die Gegner durch schnelles Verlagern oder strikt vertikales Umschaltspiel recht einfach in die Gefahrenzone kombinieren.

4-3-3:
Ein tolles System, weil es verwirrende Optionen im Umschaltspiel bietet. Nach Ballgewinn stehen drei tiefe Anspielstationen zur Verfügung, welche den Gegner bei guten Passläufen in Unterzahl bringen. Durch hohes Verschieben der Stürmer können die Räume geöffnet werden. Bei Ballverlust sind allerdings ebenfalls Kontersituationen denkbar, da die hohe Staffelung Probleme in der Rückverteidigung forciert. Dem Gegner bieten sich bei Ballbesitz das Spiel über die Flügel, als auch eine Formation mit zwei Stürmern (da meist nur ein Sechser) an. Das führt dazu, dass die Mittelfelder gestaffelt verteidigen (4-2-1-3 oder 4-1-2-3) Auch hier besteht ein hoher spielerischer und läuferischer Anspruch an die Außenverteidiger, da die Mittelfelder defensiv eng zusammenziehen, um ein Spiel durch das Zentrum zu unterbinden.

4-1-4-1:
Ebenfalls eine Formation mit Zukunft. Üblicherweise ist der Sechser am Offensivspiel unbeteiligt, der Spielaufbau häufig vertikal über die Außenbahnen. Zwei Zehner im Zentrum bieten optimale Raumaufteilung fürs Gegenpressing, Ballverluste sind somit eine weitere Option, welches das risikoreiche vertikale Spiel legitimiert. Wenn sich allerdings die Zehner nicht gut im Raum bewegen wird das Spiel statisch. Sollten die Zehner jedoch eine gute Raumaufteilung und –bewegung zeigen, werden die gegnerischen Ketten auseinandergezogen. In der Defensive bilden sich zwei Viererketten, welches Doppeln auf den Flügeln ermöglicht. Eine Steuerung des gegnerischen Spielaufbaus ist kaum möglich, jedoch sind sowohl Zentrum als auch Außen ausreichend besetzt. Schwierig wird es nur, wenn der Gegner einen zweiten Stürmer aufbietet oder die Ketten durch Schnittstellenpässe durchbrochen werden, weil die Abstände nicht stimmen.

Auch bei unserem FC wurden in der Hinrunde viele Formationen probiert. Aus dem 4-2-3-1 der Vorsaison wurde ein 4-4-2 und später ein 4-1-4-1, teilweise sogar wieder ein 4-2-3-1. Es wurde deutlich, dass keine der Formationen greift, wenn Laufbereitschaft und taktische Disziplin nicht vorhanden sind und in der letzten Kette die Abstände nicht stimmen. Die Einstellung muss also formationsunabhängig stimmen.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

#timbostaktik3

Dieser Text wurde bereits im ÜS #126 abgedruckt. Den habt ihr natürlich alle gelesen und daher ist der Text ein alter Hut für Euch! Trotzdessen wollten wir den Text noch einmal hier anzeigen, kann ja sein, dass es doch noch Literatur-Banausen unter uns gibt…

Wie funktioniert eigentlich Pressing?

Beim Pressing geht es darum, Druck auf den Gegner zu erzeugen um den Ball zu erobern. Generell werden 4 Arten des Pressing unterschieden: Abwehr-, Mittelfeld-, Angriff- und Gegenpressing. Zusätzlich gibt es auch noch false pressing, welches aber, wie der Name bereits sagt, kein wirkliches, sondern nur ein angetäuschtes pressen ist, um den Gegner zu verunsichern. Hierbei läuft ein Stürmer kurzfristig die Abwehrspieler an, allerdings ohne nachrückendes Spieler. False pressing wird häufig genutzt um das Spiel des Gegners auf eine Seite des Spielfelds zu lenken oder um der eigenen Mannschaft Zeit zum Sortieren zu verschaffen. Beim Abwehrpressing wird ebenfalls versucht den Ball auf eine Seite des Spielfelds zu verlagern. Dann wird weit hinter der Mittellinie eine Überzahl in Ballnähe erzeugt, welches bei guter Ausführung auch gute Aussichten auf einen Ballgewinn mit sich bringt. Der Nachteil ist, dass bei ausbleibendem Ballgewinn aufgrund der Nähe zum eigenen Tor keinerlei Absicherung vorhanden ist. Erfolgreiche Beispiele sind sämtliche unter Jose Mourinho geleiteten Teams, die bei spielerischer Unterlegenheit ihr Heil in dieser Formation suchen. Ein furchtbar hässliches System. Beim Mittelfeldpressing ist eine Absicherung in Form der Abwehrspieler vorhanden. Hierbei werden die Gegenspieler um die Mittellinie herum attackiert und bei Ballgewinn geht es schnell nach vorne, ohne zu viel Risiko einzugehen. Diese Pressing-Art ist sehr fordernd für sämtliche Mannschaftsteile, da die Abstände zwischen den Ketten nicht zu groß werden dürfen. Es gibt mehrere Varianten, die sich vor allem in der Deckungsweise (mann- oder raumorientiert) unterscheiden. Richtig angewendet ist sie äußerst effektiv und verlangt immer eine Reaktion des Gegners. So wurden z.B. neue Positionen erfunden: Zum einen der Achter, der sich vor und hinter der gegnerischen Mittelfeldkette bewegt. Zum anderen die falsche Neun, die sich aus der gegnerischen Abwehrkette löst, wenn sie freie Räume erkennt (Stichwort „Raumdeuter“). Da unterlegene Teams gegen Spitzenteams häufig eine Kombination aus Abwehr- und Mittelfeldpressing wählen, ist die falsche Neun inzwischen zum absoluten Schlüsselspieler einiger Top-Teams geworden (wie z.B. Messi, Müller, Ibrahimovic). Lionel Messi ist auch im Zusammenhang mit Angriffspressing zu nennen, welches der FC Barcelona praktiziert. Diese Art beinhaltet das direkte Anlaufen der gegnerischen Verteidiger bereits am gegnerischen Strafraum. Kurze Zuspiele werden zugestellt, lange Bälle durch Druck auf den Gegenspieler im Ballbesitz verhindert. Es geht nicht um den direkten Ballgewinn, sondern um das Erzwingen eines Fehlpasses. Eine Lehrstunde im Angriffspressing lieferte der FC Barcelona im Halbfinal-Hinspiel der Champions League 14/15 gegen den FC Bayern München. Hierzulande ist vor allem RB Leipzig zu nennen, wenn es um das körperlich megamäßig anstrengende Angriffspressing geht. Die meisten Teams in Liga zwei spielen mit Mittelfeld- und Abwehrpressing (auch wir, aber inziwschen auch partiell Angriffspressing). Wird die Mittelfeldreihe überspielt, dann lässt sich die Mannschaft hinten reinfallen, verliert jedoch die Option auf vielversprechende Konter. Weiterhin sind Ballgewinne im Abwehrpressing auch immer eine Gefahr, da es sofort zum Gegenpressing im eigenen Drittel kommt.


Mittelfeldpressing im 4-2-3-1. Das Zentrum steht dicht, ein Ball auf die Außen wird ‚angeboten‘. Sobald dies geschieht erfolgt das Verschieben der gesamten Mannschaft, die ballferne Seite wird aufgegeben. Bei erfolgreicher Anwendung bleibt nur der Pass nach hinten oder ein riskanter Diagonalball als Option für den ballführenden Spieler.

Das Gegenpressing ist im Grunde auch ein Angriffspressing, jedoch im Gegensatz dazu zeitlich begrenzt. Bei Ballverlust wird direkt wieder gepresst, um den Ball im letzten Drittel zu gewinnen. Wird der Ball gewonnen, ist der Gegner unsortiert, da eine Umstellung von Defensive auf Offensive stattfand. Auch hier gibt es verschiedene Arten der Umsetzung. Das passwegorientierte Gegenpressing wurde unter Pep Guardiola beim FC Barcelona erfolgreich praktiziert. Hierbei werden Passwege in für den Gegner ungünstige Räume bewusst offengelassen um dort zugreifen zu können. Das spielraumorientierte Gegenpressing, das Meistersystem der Dortmunder unter Klopp, ist eine Weiterentwicklung von Guardiolas System und erinnert an eine Treibjagd. Ziel ist es den ballführenden Gegenspieler zu isolieren indem Pass- und Laufwege zugestellt werden. Nach der Isolierung erfolgt der direkte Zugriff mehrerer Spieler, sodass sofort eine Überzahlsituation in Ballnähe entsteht. Beim zugriffsorietiertem Gegenpressing wird der Gegenspieler im Ballbesitz nur so bedrängt, dass er einen Pass spielen muss. Alle anderen Spieler werden in Manndeckung genommen, sodass direkt ein Zweikampf entsteht. Dieses System entwickelte der FC Bayern München als Reaktion auf die erfolgreiche Dortmunder Zeit und dadurch wird auch klar, warum in Arturo Vidal und Javi Martinez zweikampfstarke Spieler auf der Sechs eingesetzt werden.
Allen gemeinsam ist, dass für eine erfolgreiche Anwendung die Raumaufteilung bereits bei eigenem Ballbesitz passen muss. Es müssen sich bei Ballverlust möglichst viele Spieler in Ballnähe befinden. Gegenpressing erfordert eine enorme Laufbereitschaft und die Fähigkeit bei Ballverlust mental sofort umzuschalten. Der Frust der aus eigenem Ballverlust entsteht wird den Spielern teilweise durch psychologische Betreuung abgewöhnt. Ganz allgemein gilt die 5-Sekunden-Regel, die besagt, dass man sich nach fünf Sekunden ohne Ballgewinn in seine eigentliche Defensivformation zurückzieht. Natürlich wird Gegenpressing auch immer situativ angewendet, weshalb diese Regel zeitlich variabel sein kann und auch die verschiedenen Systeme verschmelzen häufig. Als Reaktion auf das Gegenpressing wuchs der Druck auf Innenverteidiger, saubere lange Bälle spielen zu können. Hieraus entstanden Pass-Monster wie Boateng und Hummels. Teilweise spielen Teams ausschließlich mit Gegenpressing. Es geht also nicht primär darum den Ball über Pass-Stafetten nach vorne zu bringen, stattdessen wird ein langer Ball gespielt und direkt das Gegenpressing eingeleitet. Das ist nicht schön anzusehen, aber einige Teams in Liga zwei spielen mit dieser Ausrichtung. Wirkliche Lösungen, um gegen solche Teams zu bestehen wurden noch nicht präsentiert, weshalb Darmstadt weiterhin in der 1.Liga spielt. Aus dem eigentlich defensiven Pressingkonzept ist also inzwischen eine offensive Philosophie erwachsen.
Natürlich klingen die Konzepte des Gegenpressing vielversprechend. Man muss aber bedenken, dass ein Ballgewinn im Gegenpressing eher selten gelingt. Das liegt daran, dass die Konzepte nur funktionieren, wenn es der Gegner nicht schafft den Ball aus der Zone befördern, welches inzwischen die erste Handlung eines Spielers bei eigenem Ballgewinn sein sollte. Weiterhin müssen die entsprechenden Zweikämpfe auch gewonnen bzw. Pässe auch abgefangen werden. Bei dem Aufwand der betrieben wird, scheint Gegenpressing ne ziemliche Misswirtschaft zu sein. Allerdings besteht die Aussicht auf einen Ballgewinn im letzten Drittel gegen einen Gegner im defensiven Umschaltmoment bei eigener Überzahl. Eine Situation die fast zwingend zu einer Torchance führt. Es lohnt sich also.


Passwegorientiertes Gegenpressing des FC Barcelona zu Pep’s Zeiten. Dem ballführenden Spieler werden mehrere Optionen vermeintlich angeboten, während andere im Deckungsschatten der angreifenden Spieler verschwinden.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Weitere Theorie zum Gegenpressing von:
Spielverlagerung.de
abseits.at