#timbostaktik

#timbostaktik4

Dieser Text wurde bereits im Übersteiger #127 veröffentlicht. Nun auch hier im Blog.

Grundformationen

Mit der Beschreibung von Grundformationen ist das so eine Sache. Haben die Bayern unter Guardiola ein 4-1-4-1 oder ein 3-4-3 gespielt? Zählt ein abkippender Sechser zur Viererkette und der aufrückende Außenverteidiger ins Mittelfeld oder gar in den Sturm? Viele Fachmänner können mit den Zahlenspielen in der Fußballjournalistik nichts anfangen, geht es doch um das Spielsystem in Defensiv- und Offensivsituationen und davon gibt es weit mehr als das übliche „die Mannschaft xx spielt heute im 4-2-3-1.“. Es ist eher so: Nennt einfach drei oder vier Zahlen die zusammen eine 10 ergeben, fangt mit einer Vier an und ihr könnt euch sicher sein, dass es diese Formation schon einmal im Weltfußball gegeben hat. Einig ist man sich immerhin darüber, dass die Mannschaften ihre Formation während des Spiels variieren, es jedoch zumindest eine Grundformation gibt.
Wenn die eigene Grundformation mit der des Gegners verglichen wird, geht es darum wie viele Spieler im Verhältnis zum Gegner im Raum verteilt sind. Das Ziel ist einfach: Mit der eigenen Formation soll eine Überzahl in den Fokusbereichen des Spielfelds geschaffen werden. Eine numerische Überzahl führt zwar nicht zwingend zu einem Torabschluss oder einem Ballgewinn, allerdings erhöht sich die Chance enorm. Doch welche Formation ist wann die beste? Wir zeigen die aktuell gängigsten Formationen mit ihren Vor- und Nachteilen.

4-4-2 flach:
„flach“ bedeutet in diesem Fall, dass anstelle einer Raute, wie sie vor zehn Jahren angesagt war (und Bremen 2004 zum Double-Sieger machte), nun eine Doppel-Sechs aufgeboten wird. Dieses System besticht durch Variabilität, welches aber auch Risiken birgt. Während ein Stürmer durchgehend zentrumsfokussiert agiert, kann der zweite Stürmer als falsche Neun wirken und Räume für nachrückende Spieler schaffen. Meist lösen sich ein Sechser und ein Stürmer horizontal, es kann aus dieser Formation aber auch über das Zentrum aufgebaut werden, wenn der Gegner nur einen Sechser aufbietet. In der Offensive steht und fällt der Erfolg des Teams mit der Leistung der falschen Neun, da nur diese Räume schaffen kann. Zur Unterstützung werden deshalb inzwischen häufig die äußeren Mittelfelder nach innen gezogen, wodurch den Außenverteidigern eine zentrale Rolle im Spielaufbau zukommt. Gegen den Ball können leicht Pässe nach Außen provoziert und dann gedoppelt werden, allerdings besteht gegen Teams im 4-2-3-1 eine numerische Unterzahl im Zentrum, welches diesen eine Vielfalt an Möglichkeiten bietet.

4-2-3-1:
Momentan der Shit in Liga Zwei. Im Offensivspiel können die drei offensiven Mittelfeldspieler bei Ballgewinn sofort in Szene gesetzt werden und sehr variabel verschieben. Einer der Sechser kann ebenfalls Einrücken ohne, dass bei Ballverlust zu große Lücken entstehen, da der zweite Sechser rückverteidigt. Die Sechser und die Zehn führen zu enormer Präsenz im Zentrum. Diese muss vom Gegner, egal in welcher Formation, erst einmal zugestellt werden, welches wiederum Räume auf den Außenbahnen ermöglicht, die mit geschicktem Verschiebeverhalten des Zehners in Überzahlsituationen münden können. Nachteilig ist die Einzelbesetzung der Stürmerposition, da dieser positionsgebunden ist und ohne Horizontalbewegungen agiert. Das führt dazu, dass Räume im Zentrum nur schwerlich geöffnet werden können. Einige Teams spielen daher mit einem einrückendem Sechser als Halbstürmer (siehe Rzatkowski 14/15). Im Spiel gegen den Ball sorgen die Sechser ebenfalls für Präsenz im Zentrum und können auch abkippen, falls der Gegner zwei Stürmer aufbietet. Die Überzahl im Zentrum führt zwangsläufig zu einer Unterzahl auf den Flügeln, welches nur durch hohe Laufbereitschaft und geschlossenes Verschieben ausgeglichen werden kann.

3-5-2:
Eine Formation, die uns in Zukunft häufiger begegnen wird. Das System lässt sich mit einem Wort beschreiben: variabel. Eigentlich ist es eine Frechheit es 3-5-2 zu nennen, denn je nach Spielsituation ist es ein 5-3-2, 4-4-2, 3-3-4 oder 4-3-3. Die Dreierkette kann variabel durch die äußeren Mittelfelder zu einer Vierer- oder Fünferkette anwachsen, welches die Räume stark verengt. Hierbei werden allerdings die Flügel vernachlässigt. Die Unterzahl auf den Flügeln führt dazu, dass von den äußeren Mittelfeldern läuferisch, taktisch und technisch höchste Qualität abverlangt wird. Ist diese Qualität vorhanden, erfüllt diese Formation alle Ansprüche: Zwei Stürmer besetzen dauerhaft die Tiefe. Das Zentrum ist mit drei Spielern ausreichend besetzt und die letzte Kette kann in Notsituationen aus fünf Spielern bestehen. Die taktische Feinabstimmung muss aber sitzen, ansonsten können sich die Gegner durch schnelles Verlagern oder strikt vertikales Umschaltspiel recht einfach in die Gefahrenzone kombinieren.

4-3-3:
Ein tolles System, weil es verwirrende Optionen im Umschaltspiel bietet. Nach Ballgewinn stehen drei tiefe Anspielstationen zur Verfügung, welche den Gegner bei guten Passläufen in Unterzahl bringen. Durch hohes Verschieben der Stürmer können die Räume geöffnet werden. Bei Ballverlust sind allerdings ebenfalls Kontersituationen denkbar, da die hohe Staffelung Probleme in der Rückverteidigung forciert. Dem Gegner bieten sich bei Ballbesitz das Spiel über die Flügel, als auch eine Formation mit zwei Stürmern (da meist nur ein Sechser) an. Das führt dazu, dass die Mittelfelder gestaffelt verteidigen (4-2-1-3 oder 4-1-2-3) Auch hier besteht ein hoher spielerischer und läuferischer Anspruch an die Außenverteidiger, da die Mittelfelder defensiv eng zusammenziehen, um ein Spiel durch das Zentrum zu unterbinden.

4-1-4-1:
Ebenfalls eine Formation mit Zukunft. Üblicherweise ist der Sechser am Offensivspiel unbeteiligt, der Spielaufbau häufig vertikal über die Außenbahnen. Zwei Zehner im Zentrum bieten optimale Raumaufteilung fürs Gegenpressing, Ballverluste sind somit eine weitere Option, welches das risikoreiche vertikale Spiel legitimiert. Wenn sich allerdings die Zehner nicht gut im Raum bewegen wird das Spiel statisch. Sollten die Zehner jedoch eine gute Raumaufteilung und –bewegung zeigen, werden die gegnerischen Ketten auseinandergezogen. In der Defensive bilden sich zwei Viererketten, welches Doppeln auf den Flügeln ermöglicht. Eine Steuerung des gegnerischen Spielaufbaus ist kaum möglich, jedoch sind sowohl Zentrum als auch Außen ausreichend besetzt. Schwierig wird es nur, wenn der Gegner einen zweiten Stürmer aufbietet oder die Ketten durch Schnittstellenpässe durchbrochen werden, weil die Abstände nicht stimmen.

Auch bei unserem FC wurden in der Hinrunde viele Formationen probiert. Aus dem 4-2-3-1 der Vorsaison wurde ein 4-4-2 und später ein 4-1-4-1, teilweise sogar wieder ein 4-2-3-1. Es wurde deutlich, dass keine der Formationen greift, wenn Laufbereitschaft und taktische Disziplin nicht vorhanden sind und in der letzten Kette die Abstände nicht stimmen. Die Einstellung muss also formationsunabhängig stimmen.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

#timbostaktik3

Dieser Text wurde bereits im ÜS #126 abgedruckt. Den habt ihr natürlich alle gelesen und daher ist der Text ein alter Hut für Euch! Trotzdessen wollten wir den Text noch einmal hier anzeigen, kann ja sein, dass es doch noch Literatur-Banausen unter uns gibt…

Wie funktioniert eigentlich Pressing?

Beim Pressing geht es darum, Druck auf den Gegner zu erzeugen um den Ball zu erobern. Generell werden 4 Arten des Pressing unterschieden: Abwehr-, Mittelfeld-, Angriff- und Gegenpressing. Zusätzlich gibt es auch noch false pressing, welches aber, wie der Name bereits sagt, kein wirkliches, sondern nur ein angetäuschtes pressen ist, um den Gegner zu verunsichern. Hierbei läuft ein Stürmer kurzfristig die Abwehrspieler an, allerdings ohne nachrückendes Spieler. False pressing wird häufig genutzt um das Spiel des Gegners auf eine Seite des Spielfelds zu lenken oder um der eigenen Mannschaft Zeit zum Sortieren zu verschaffen. Beim Abwehrpressing wird ebenfalls versucht den Ball auf eine Seite des Spielfelds zu verlagern. Dann wird weit hinter der Mittellinie eine Überzahl in Ballnähe erzeugt, welches bei guter Ausführung auch gute Aussichten auf einen Ballgewinn mit sich bringt. Der Nachteil ist, dass bei ausbleibendem Ballgewinn aufgrund der Nähe zum eigenen Tor keinerlei Absicherung vorhanden ist. Erfolgreiche Beispiele sind sämtliche unter Jose Mourinho geleiteten Teams, die bei spielerischer Unterlegenheit ihr Heil in dieser Formation suchen. Ein furchtbar hässliches System. Beim Mittelfeldpressing ist eine Absicherung in Form der Abwehrspieler vorhanden. Hierbei werden die Gegenspieler um die Mittellinie herum attackiert und bei Ballgewinn geht es schnell nach vorne, ohne zu viel Risiko einzugehen. Diese Pressing-Art ist sehr fordernd für sämtliche Mannschaftsteile, da die Abstände zwischen den Ketten nicht zu groß werden dürfen. Es gibt mehrere Varianten, die sich vor allem in der Deckungsweise (mann- oder raumorientiert) unterscheiden. Richtig angewendet ist sie äußerst effektiv und verlangt immer eine Reaktion des Gegners. So wurden z.B. neue Positionen erfunden: Zum einen der Achter, der sich vor und hinter der gegnerischen Mittelfeldkette bewegt. Zum anderen die falsche Neun, die sich aus der gegnerischen Abwehrkette löst, wenn sie freie Räume erkennt (Stichwort „Raumdeuter“). Da unterlegene Teams gegen Spitzenteams häufig eine Kombination aus Abwehr- und Mittelfeldpressing wählen, ist die falsche Neun inzwischen zum absoluten Schlüsselspieler einiger Top-Teams geworden (wie z.B. Messi, Müller, Ibrahimovic). Lionel Messi ist auch im Zusammenhang mit Angriffspressing zu nennen, welches der FC Barcelona praktiziert. Diese Art beinhaltet das direkte Anlaufen der gegnerischen Verteidiger bereits am gegnerischen Strafraum. Kurze Zuspiele werden zugestellt, lange Bälle durch Druck auf den Gegenspieler im Ballbesitz verhindert. Es geht nicht um den direkten Ballgewinn, sondern um das Erzwingen eines Fehlpasses. Eine Lehrstunde im Angriffspressing lieferte der FC Barcelona im Halbfinal-Hinspiel der Champions League 14/15 gegen den FC Bayern München. Hierzulande ist vor allem RB Leipzig zu nennen, wenn es um das körperlich megamäßig anstrengende Angriffspressing geht. Die meisten Teams in Liga zwei spielen mit Mittelfeld- und Abwehrpressing (auch wir, aber inziwschen auch partiell Angriffspressing). Wird die Mittelfeldreihe überspielt, dann lässt sich die Mannschaft hinten reinfallen, verliert jedoch die Option auf vielversprechende Konter. Weiterhin sind Ballgewinne im Abwehrpressing auch immer eine Gefahr, da es sofort zum Gegenpressing im eigenen Drittel kommt.


Mittelfeldpressing im 4-2-3-1. Das Zentrum steht dicht, ein Ball auf die Außen wird ‚angeboten‘. Sobald dies geschieht erfolgt das Verschieben der gesamten Mannschaft, die ballferne Seite wird aufgegeben. Bei erfolgreicher Anwendung bleibt nur der Pass nach hinten oder ein riskanter Diagonalball als Option für den ballführenden Spieler.

Das Gegenpressing ist im Grunde auch ein Angriffspressing, jedoch im Gegensatz dazu zeitlich begrenzt. Bei Ballverlust wird direkt wieder gepresst, um den Ball im letzten Drittel zu gewinnen. Wird der Ball gewonnen, ist der Gegner unsortiert, da eine Umstellung von Defensive auf Offensive stattfand. Auch hier gibt es verschiedene Arten der Umsetzung. Das passwegorientierte Gegenpressing wurde unter Pep Guardiola beim FC Barcelona erfolgreich praktiziert. Hierbei werden Passwege in für den Gegner ungünstige Räume bewusst offengelassen um dort zugreifen zu können. Das spielraumorientierte Gegenpressing, das Meistersystem der Dortmunder unter Klopp, ist eine Weiterentwicklung von Guardiolas System und erinnert an eine Treibjagd. Ziel ist es den ballführenden Gegenspieler zu isolieren indem Pass- und Laufwege zugestellt werden. Nach der Isolierung erfolgt der direkte Zugriff mehrerer Spieler, sodass sofort eine Überzahlsituation in Ballnähe entsteht. Beim zugriffsorietiertem Gegenpressing wird der Gegenspieler im Ballbesitz nur so bedrängt, dass er einen Pass spielen muss. Alle anderen Spieler werden in Manndeckung genommen, sodass direkt ein Zweikampf entsteht. Dieses System entwickelte der FC Bayern München als Reaktion auf die erfolgreiche Dortmunder Zeit und dadurch wird auch klar, warum in Arturo Vidal und Javi Martinez zweikampfstarke Spieler auf der Sechs eingesetzt werden.
Allen gemeinsam ist, dass für eine erfolgreiche Anwendung die Raumaufteilung bereits bei eigenem Ballbesitz passen muss. Es müssen sich bei Ballverlust möglichst viele Spieler in Ballnähe befinden. Gegenpressing erfordert eine enorme Laufbereitschaft und die Fähigkeit bei Ballverlust mental sofort umzuschalten. Der Frust der aus eigenem Ballverlust entsteht wird den Spielern teilweise durch psychologische Betreuung abgewöhnt. Ganz allgemein gilt die 5-Sekunden-Regel, die besagt, dass man sich nach fünf Sekunden ohne Ballgewinn in seine eigentliche Defensivformation zurückzieht. Natürlich wird Gegenpressing auch immer situativ angewendet, weshalb diese Regel zeitlich variabel sein kann und auch die verschiedenen Systeme verschmelzen häufig. Als Reaktion auf das Gegenpressing wuchs der Druck auf Innenverteidiger, saubere lange Bälle spielen zu können. Hieraus entstanden Pass-Monster wie Boateng und Hummels. Teilweise spielen Teams ausschließlich mit Gegenpressing. Es geht also nicht primär darum den Ball über Pass-Stafetten nach vorne zu bringen, stattdessen wird ein langer Ball gespielt und direkt das Gegenpressing eingeleitet. Das ist nicht schön anzusehen, aber einige Teams in Liga zwei spielen mit dieser Ausrichtung. Wirkliche Lösungen, um gegen solche Teams zu bestehen wurden noch nicht präsentiert, weshalb Darmstadt weiterhin in der 1.Liga spielt. Aus dem eigentlich defensiven Pressingkonzept ist also inzwischen eine offensive Philosophie erwachsen.
Natürlich klingen die Konzepte des Gegenpressing vielversprechend. Man muss aber bedenken, dass ein Ballgewinn im Gegenpressing eher selten gelingt. Das liegt daran, dass die Konzepte nur funktionieren, wenn es der Gegner nicht schafft den Ball aus der Zone befördern, welches inzwischen die erste Handlung eines Spielers bei eigenem Ballgewinn sein sollte. Weiterhin müssen die entsprechenden Zweikämpfe auch gewonnen bzw. Pässe auch abgefangen werden. Bei dem Aufwand der betrieben wird, scheint Gegenpressing ne ziemliche Misswirtschaft zu sein. Allerdings besteht die Aussicht auf einen Ballgewinn im letzten Drittel gegen einen Gegner im defensiven Umschaltmoment bei eigener Überzahl. Eine Situation die fast zwingend zu einer Torchance führt. Es lohnt sich also.


Passwegorientiertes Gegenpressing des FC Barcelona zu Pep’s Zeiten. Dem ballführenden Spieler werden mehrere Optionen vermeintlich angeboten, während andere im Deckungsschatten der angreifenden Spieler verschwinden.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

Weitere Theorie zum Gegenpressing von:
Spielverlagerung.de
abseits.at

#timbostaktik2

Dieser Beitrag erschien bereits am 07. November 2016 im ÜS-Blog.

Jeder, der ein Spiel von uns diese Saison wirklich gesehen hat (und nicht nur zum Party-machen im Stadion war), dem ist aufgefallen, dass es irgendwie nicht läuft aufm Spielfeld. Es scheint so, als würden wir es nicht schaffen das Spiel geordnet aufzubauen, geschweige denn offensiven Druck auf den Gegner zu erzeugen. Doch woran liegt das? Was hat sich im Vergleich zur letzten Saison geändert?

Zuallererst müssen wir einmal feststellen, dass die Probleme im Spielaufbau nicht erst diese Saison aufgetreten sind, sondern dass dies ein Problem ist mit dem sich Mannschaft und Trainerteam(s) seit Jahren auseinandersetzen. Letzte Saison wurden die Probleme im Offensivspiel mit einem 4 2 3 1 durch sehr gut funktionierendes Konterspiel maskiert. Auffällig war aber bereits, dass wir eher gegen hoch verteidigende Teams wie Leipzig, Freiburg, Braunschweig und Fürth gut zurechtkamen. Stellte sich ein Gegner tief hinten rein und überließ uns das Spiel, wurde es schwierig (siehe 1:3 vs. Sandhausen oder 0:2 vs. 1860). Nach gutem Saisonstart sprach sich rum, wie man St. Pauli knacken kann, welches die immer noch gute, aber im Vergleich zur Hinrunde eher mäßige Rückrunde erklärt. Somit war eine Änderung der taktischen Ausrichtung, auch weil Leistungsträger den Verein verließen, zur neuen Saison unausweichlich.

Offensivsystem der Vorsaison - 4-2-3-1 mit offensiver Zentrale, welche auf Außen ausweicht und nachrückendem Sechser

Das Offensivkonzept von Ewald und seinem Team beruht auf dem Versuch eine Überzahl auf den offensiven Außen zu schaffen, sogenannte Überladungen. Hierzu bewegten sich in der letzten Saison die Spieler auf eine Seite, um dort Situationen zu erzeugen, die es erlaubten einen gezielten Ball ins Sturmzentrum zu spielen. Dieses System funktionierte unter anderem wegen eines nicht oder zu gering besetzten Sturmzentrums nicht immer. Wie also die Präsenz im Sturmzentrum erhöhen? … Richtig! Ein zweiter Stürmer muss her! Zur neuen Saison wurde daher ein System mit zwei Stürmern entwickelt, also von einem 4 2 3 1 auf ein 4 4 2 (oder 4 2 2 2). Hierzu wurde der zentral offensive Mittelfeldspieler aufgegeben, der sonst immer bei den Überladungen mithalf, indem er den Ball in die Zone auf den offensiven Außen spielte oder trug und diese dann mitbesetzte. Stattdessen wurde diese Position nun in eine falsche Neun umgewandelt. Die Überladungen auf den Außen sollten nun durch einen der äußeren Mittelfeldspieler (Kalla, Sobota – Besetzungen der Positionen aus dem Heimspiel vs. Braunschweig), einen hoch stehenden Außenverteidiger (Hornschuh, Hedenstad) und durch horizontale Bewegungen eines Stürmers (meist Picault) übernommen werden. Das Sturmzentrum wurde durch den zweiten Stürmer und situativ durch den zweiten Außenverteidiger besetzt. Die beiden Sechser (Nehrig, Buchtmann) waren aufgrund der hohen Außenverteidiger gezwungen, sich defensiv zu halten, um mögliche Konter zu unterbinden. Somit wurde auch das Nachrücken eines Spielers, wenn der zentral offensive Mittelfelder das Zentrum verließ, wie es letzte Saison mit Rzatkowski gespielt wurde, zugunsten des besetzten Sturmzentrums seltener. Um die Überzahl auf den Außen zu erzeugen, muss der Ball möglichst kontrolliert in diese Zone gebracht werden, welches sich als Hauptproblem dieses System herausstellte. Hierfür werden sogenannte Nadelspieler benötigt, also Spieler, die Bälle unter hohem Druck behaupten und durch enge Passagen (wie im Mittelfeldzentrum) in die überladene Zone weiterleiten können. Diese Aufgabe kam in diesem System auf die äußeren Mittelfeldspieler Kalla und Sobota zu, welche sich bei offensiver Aufteilung ins Zentrum bewegten, um Bälle aus der Abwehr entgegenzunehmen und auf die Außen weiterzuleiten.

So weit, so gut. Das Weiterleiten der Bälle kann jedoch zu einer Mammutaufgabe werden, wenn der Gegner sich von der Präsenz der Außenverteidiger nicht beeindrucken lässt und stattdessen zentrumsfokussiert bleibt. Funktioniert diese Verbindung nicht, dann bleibt als weiteres Mittel nur noch der lange Ball in die überladene Zone, welches in unserem Fall aber oft mehr für Hektik, als für offensives Kombinationsspiel sorgte. Durch mangelhaftes Nachrücken und Positionsspiel entstanden unterbesetzte Räume im Zentrum (meist wurde dieses nur vom eingerücktem äußeren Mittelfelder besetzt). Daher konnten Abpraller und zweite Bälle selten gewonnen werden und Gegenpressing nach Ballverlusten fiel meist ganz aus. Hierdurch eröffneten sich Räume für Konter. Reaktionen auf den miesen Saisonstart und auf Verletzungen waren dann die schleichende Rückkehr zum 4 2 3 1 (mit Choi im Zentrum statt Picault als falsche Neun), welches wieder vorsichtigeres Vorrücken der Außenverteidiger und einen höher stehenden Buchtmann zur Folge hatte. Das Problem des schlecht funktionierenden Verbindungsspiels blieb jedoch. Verunsicherung und mächtig Druck durch schlechte Ergebnisse taten ihr Übriges.

Offensivsystem zu Beginn 16/17 – 4-4-2 mit offensiven Außenverteidigern, zwei Stürmern und defensiven Sechsern (aus dem Spiel vs. Braunschweig)

Neben der fehlenden offensiven Durchschlagskraft, stottert es jedoch auch in der Defensive. An den ersten zehn Spieltagen haben wir uns immer mindestens ein Gegentor gefangen. Eine Situation die untragbar ist. Vor allem, wenn in der Vorsaison in ganzen 16 Spielen die ‚Null‘ gehalten wurde. Zu Beginn der Saison wurden aufgrund der hohen Außenverteidiger die Räume zwischen den Ketten im defensiven Umschaltmoment nicht immer schnell genug geschlossen. Dadurch konnten die gegnerischen Teams ihrerseits Überladungen auf den Außen erzeugen und immer wieder kontrolliert in Abschlussnähe kommen. Ohne eine funktionierende Defensive fehlte es auch an Kontersituationen, da es nur sehr wenige direkte Ballgewinne gab. Nach den taktischen Änderungen geht das Defensivkonzept grundsätzlich auf (Ausnahme Sandhausen). Wer das jetzige Defensivkonzept noch kritisiert, der kritisiert das System der letzten Saison, es ist nämlich identisch.

Es gab jedoch ganz andere Probleme, die letzte Saison nicht auftraten: Verletzungspech und reihenweise individuelle Fehler. Mit der viel zitierten ‚Kompaktheit‘ meint Ewald letztendlich nix anderes als enge Räume und das gemeinsame Ausbügeln der Fehler einzelner Spieler. Zusätzlich ist die, durch Sperren und Verletzungen notwendige, ständige Neuformierung der Viererkette ebenfalls nicht hilfreich, wenn es darum geht gemeinsam zu verschieben und im Raum zu verteidigen.

Was ist also zu tun? Eine Möglichkeit ist der Reset-Button, also die Rückkehr zum Fokus auf die Defensivarbeit und ausgereiftem Konterspiel, welches uns bereits vor zwei Jahren vorm Abstieg bewahrte. Bei eigenem Ballbesitz ist ein Sicherheitskonzept á la Darmstadt denkbar. Hierbei werden vornehmlich lange Bälle in die Spitze gespielt und auf Abpraller und zweite Bälle gepresst. Ein furchtbar hässliches System, aber eben extrem sicher, da Ballverluste in offenen Räumen nahezu unmöglich sind. Ein solches Sicherheitskonzept wird es jedoch eher nicht geben, vielmehr werden Ewald und sein Team versuchen, eine Mischung aus beiden Systemen zu erschaffen, die wieder zentrumsfokussierter ist, ohne Defensive und Strafraumbesetzung aufzugeben. Ein System mit einem offensiveren Sechser und nur situativ hohen Außenverteidigern wäre denkbar.

Ich persönlich finde, dass ein System mit mehreren Stürmern die richtige Antwort auf Mannschaften im 4 2 3 1 ist, wie der Erfolg von Teams wie Köln und Hoffenheim zeigt, die ein ganz ähnliches System in der 1. Liga spielen lassen. Die Umstellung in der Sommerpause ist also keine falsche Entscheidung gewesen. Allerdings braucht so ein System sowohl Zeit, als auch Praxistests (und damit sind keine Testspiele gemeint). Zwei Dinge, die wir momentan nicht haben bzw. uns erlauben können. Was macht jetzt noch Mut? Zum Beispiel die Tatsache, dass wir nicht das einzige Team in Liga zwei sind, welches mit Problemen im Spielaufbau hadert. Allerdings sind wir die einzigen die zusätzlich mit erschreckender Konstanz Gegentore fangen. Hier bleibt festzuhalten, dass die Defensivprobleme nicht unlösbar sind, handelt es sich doch meist um individuelle Fehler von Spielern, die letzte Saison defensiv glänzen konnten. Es bleibt also Hoffnung.

Nice Guys Sankt Pauli //timbo

#senfdazu22 #timbostaktik1

FC St.Pauli- 1.FC Kaiserlautern 5-2
Ein rein subjektiver Saisonausblick

Aus und vorbei, der letzte Vorhang ist gefallen, die Saison 15/16 ist zu Ende. Zeit also mit diesem Blog-Beitrag, neben einer kurzen Beschreibung eines unwichtigen Sommerkicks, einen kleinen Blick auf die nächste Saison zu werfen.
Schon geil, wenn man weiß, dass Myaichi in unseren Reihen unterwegs ist. Ein Spieler „der den Unterschied machen kann“, wie man so schön sagt. Nachdem es in den letzten Spielen wirkte als sei ein bisschen die Luft raus, konnte dieses Mal doch noch einmal der Arsch zusammengekniffen werden.
Gute Leistungen während einer Saison sind in der 2.Liga ein zweischneidiges Schwert. Klar, es ist großartig nicht wie im Vorjahr gegen den Abstieg zu spielen. Wenn man aber auf dem 4.Platz landet, also zu den besten Teams der Liga gehört und dann nicht aufsteigt hat man ein Problem: Die guten Leistungen wecken Begehrlichkeiten anderer Vereine. So wird es bei uns nach dieser Saison einen kräftigen Einschnitt geben. Neben den bereits feststehenden Abgängen kann der Verbleib von einigen Leistungsträgern zumindest als unklar bezeichnet werden. Liebe zum Verein hin oder her, wenn Du die Möglichkeit hast in deiner kurzen Karriere das 3-/4-fache zu verdienen und dann noch in der 1.Liga kicken kannst, dann wird das fast jeder tun oder es zumindest ernsthaft in Erwägung ziehen. Die Spieler müssen davon überzeugt werden, dass es mit St.Pauli möglich ist in der kommenden Saison ernsthaft um den Aufstieg mitzuspielen. Diese Frage werden wir uns in der Sommerpause alle stellen. Ist es wirklich möglich? Vor allem, wenn man die Absteiger aus der 1.Liga bedenkt? Ich denke, dass es möglich ist. Allerdings müssen die wohl unvermeidbaren Abgänge adäquat ersetzt oder das System umgestellt werden.
In der Saison 15/16 konnten wir allen voran mit schnellem Umschaltspiel überzeugen. Tief und kompakt stehen, den Gegner in riskante Zweikämpfe verwickeln und dann schnell kontern. Dieses System funktioniert, wenn man über vier verschiedene Spielertypen verfügt: In der Innenverteidigung wird Wert auf Zweikampfstärke und Lufthoheit gelegt. Gegen tiefstehende Mannschaften wird nämlich häufig mit Flanken aus dem Halbfeld gearbeitet, da meist einzig in den Halbfeldern Raum von der verteidigenden Mannschaft gegeben wird. Zum Umschalten wird dann ein sogenannter Umschaltspieler benötigt: Stark in der Balleroberung, schnell und gerne auch treffsicher. Zusätzlich braucht man einen Stürmer, der Bälle „festmachen“ kann um sie auf die nachrückenden Außenspieler zu verteilen. Die Außenspieler sind dann idealerweise pfeilschnell und stark im Offensivdribbling. Von diesen Spielertypen haben wir einige bei uns im Kader. In der Innenverteidigung zwei Türme mit Sobiech und Ziereis, mit Lennart Thy im Sturm einen Spieler, der nicht an Toren gemessen werden darf (auch wenn er sie geschossen hat), neben Sobota und Dudziak haben wir in Myaichi eigentlich einen Neuzugang auf den Außen zur neuen Saison und mit Rzatkowski steht der wohl beste Umschaltspieler der 2.Liga in unseren Reihen. Nun kommen wir zum Problem: Bis auf die Außenspieler ist der Verbleib aller genannten Spieler zumindest unklar, wenn nicht sogar bereits der Abgang feststeht. Erfolgreiches Umschaltspiel ist in der Saison 16/17 somit nur möglich, wenn die Abgänge ersetzt werden. Besonders die Position des Umschaltspielers ist hochkarätig zu be-/ersetzen. Allerdings wird man sich in der nächsten Saison auch nicht nur auf diese Spielform verlassen können. Besonders in der Rückrunde wurde deutlich, dass wir gegen Mannschaften die ihrerseits tiefstanden, enorme Probleme im Kreieren von Torchancen hatten. Besonders wenn man berücksichtigt, dass die anderen Teams der 2.Liga auch in der nächsten Saison, ähnlich wie nun in der Rückrunde passiert, sich an das System von St.Pauli anpassen und nicht mehr primär versuchen werden ihr eigenes Spiel durchzudrücken. Das ist ein weiterer Effekt der erfolgreichen Saison 14/15.

Somit ist es zur neuen Saison auf jeden Fall notwendig das Offensivspiel zu verbessern. Hierzu bieten sich verschiedene Systeme an. In dieser Saison wurde mit einem fallenden Sechser agiert. Hierbei fiel einer der beiden Sechser (meist Alushi oder Buchtmann) zwischen die beiden Innenverteidiger und unterstützte die Ballzirkulation bis Räume im nächsten Spielfelddrittel geschaffen wurden. Bei diesem System können die beiden Außenverteidiger auf Höhe der offensiven Außen rücken. Wenn dann noch bei Ballbesitz der Spieler aus der Offensivzentrale auf die Außen ausweicht, kann dort eine Überzahl in Ballnähe geschaffen werden, welche dann über Kurzpassspiel und kluge Laufwege ideal zum Herausspielen von Torchancen genutzt werden kann. An sich ein wirklich wirkungsvolles System, welches z.B. Dortmund diese Saison beeindruckend umgesetzt hat (auch wenn bei Dortmund durch die Spielstärke von Hummels häufig auf den fallenden Sechser verzichtet wurde). Pisczek und Schmelzer in diesem System als Verteidiger zu bezeichnen, könnte als Beleidigung aufgefasst werden. Anhand des Kaders von St.Pauli wären jedoch auch andere Varianten denkbar. So kann gerade bei unterschiedlichen Stürmertypen im Kader, wie Fafa und Bouhaddouz es sind, über ein System mit zwei Stürmern nachgedacht werden. Es müsste dann allerdings einer der drei zentralen Mittelfeldspieler geopfert werden, welches vor allem in der Defensivarbeit Nachteile mit sich bringen könnte. Diesen Verlust könnte man über eine Mittelfeldraute kompensieren. Dabei würden die äußeren Mittelfeldspieler weiter ins Zentrum rücken und die Außenverteidiger müssten noch offensiver agieren. Das System ist recht altbacken (Werder ist damit 2004 Meister geworden) und verlangt massive Dominanz der zentralen Positionen. In moderner Interpretation wird offensiv aus dem 4-4-2 ein 3-5-2 mit fallendem Sechser und enorm offensiven Außenverteidigern.

Aus meiner Sicht wesentlich interessanter ist ein System mit Außenstürmern, also ein 4-3-3, welches offensiv dann als 3-4-3 gespielt werden kann, also ebenfalls mit fallendem Sechser (den es also inzwischen in eigentlich jedem System gibt). Hierbei könnten die drei zentralen Mittelfelder bestehen bleiben und zwei zusätzliche Stürmer sehr viel Druck auf die Viererkette erzeugen. Wenn der Ball dann erst einmal das letzte Drittel erreicht wird es schnell saugefährlich. Besonders die Außenstürmer müssen hierbei technisch versiert und schnell sein. Solche Spieler haben wir mit Sobota, Fafa und allen voran Myaichi im Kader. Diese Geschwindigkeitsvorteile können in diesem System unter anderem über Diagonalbälle eingesetzt werden, aber auch, wie beim 4-2-3-1, anhand der Überladung der Außen.

Alle Systeme haben jedoch gemeinsam, dass erst einmal Raum geschaffen werden muss, um den Ball in Strafraumnähe an den Mann zu bringen. Genau dies ist jedoch unser aktuell größtes Problem in der Offensive. Es ist also klar, woran in der Sommerpause gearbeitet werden muss und ich bin mir sicher, dass dies auch allen Verantwortlichen bewusst ist (vermutlich haben sie ganz andere Ding ausfindig gemacht, die noch viel wichtiger sind). Ehrlichgesagt kann ich nur mutmaßen was da im Sommer ausbaldowert wird. Die Verpflichtung eines weiteren Stürmers könnte jedoch einen Hinweis auf eine Systemumstellung geben. Es kommt auf jeden Fall eine Menge Arbeit auf Mannschaft und Trainerteam zu.
Teile der Sommerpause werde ich jetzt auf jeden Fall erstmal mit intensiver Lektüre des neuen Übersteigers verbringen. Schön, dass der in neuem Glanz erstrahlt!

Nice Guys Sankt Pauli// timbo

Stefan Groenveld-Blog: Versöhnliches zum Saisonausklang